Spurensuche - Aus dem Tegernseer Tal Heft 93

30. Juni 1934 – „Röhm-Putsch“ in Bad Wiessee

Tod eines Badegastes

„Ein Name ist für immer ausgelöscht in Deutschland, der einst einen guten Klang hatte. Wenn er in diesen Blättern dennoch lebt“, so spricht die stumme Stimme der Lehrerin Maria Keim aus den in altdeutscher Schrift beschriebenen Blättern im Wiesseer Gemeindearchiv, „dann nur weil unser Ortsgeschehen, um vollständig zu sein, ihn nicht übergehen kann. Ernst Röhm, der Stabschef der SA, den alle Welt für einen der Getreuesten des Führers hielt, wollte Bad Wiessee zum Schauplatz seines schändlichen Hochverratsplanes machen ...

Ein Sommer im Jod-Schwefelbad Wiessee, Juni 1934, vor fünfzig Jahren. Deutschland vibriert in Erwartung einer zweiten nationalsozialistischen Revolution. Die SA, die Sturmabteilung der nationalsozialistischen Bewegung, hatte Hitler den Weg nach oben freigekämpft - und jetzt glauben die Parteisoldaten, der Staat gehöre ihnen.

Weil sie eine nationale Volksarmee wollen, mit Ernst Röhm als Oberkommandierenden, machen sie sich die Reichswehr zum Feind. Sie träumen von einer zweiten, von einer wahrhaft sozialistischen Revolution und verschrecken das Kapital, die Großindustrie und das bürgerliche Establishment. Am 30. Juni 1934 schlägt Hitler, von den konservativen Kräften bedrängt, zu: Er verhaftet im Morgengrauen in Bad Wiessee den Kurgast Ernst Röhm im damaligen Kurheim Hanselbauer. Über Deutschland bricht eine Bartholomäusnacht herein.

Ein blutiger Scherz der Historie - wäre der Badegast Ernst Röhm in diesen Juni-Tagen am Tegernsee andere Pfade gewandelt, die Geschichte unserer Welt hätte einen anderen Verlauf genommen ...

Die zeitgenössischen Aufzeichnungen der Lehrerin Maria Keim beruhen auf den Aussagen von Augenzeugen und sind Teil einer Sammlung, die sie als Chronik von Bad Wiessee angelegt hatte . Der Vermerk über dem Röhm-Kapitel „Text und Bilder sind nicht für die Öffentlichkeit“ spricht für die Authentizität der Darstellung. Gerade weil sie nicht veröffentlicht werden sollten, sind sie über den Verdacht erhaben, propagandistisch gefärbt zu sein und die Ermordung Röhms zu rechtfertigen.

Weil diese Dokumentation der Lehrerin Maria Keim der zeitgeschichtlichen Forschung bisher nicht bekannt ist, sei sie hier im Wortlaut wiedergegeben. Sie enthält zwei Informationen, die das Geschehen in Bad Wiessee in einem anderen Licht erscheinen lassen müssen, obwohl sie einander widersprechen. Der „Putschist“ Ernst Röhm, der nach nationalsozialistischer Version am Vorabend seines Staatsstreiches durch den persönlichen Einsatz des Führers ausgeschaltet wurde, war tatsächlich als Badegast gekommen - zu den Wiesseer Jod-Schwefelquellen, die ein langes Leben verheißen, er ging einfach spazieren. Und doch, es wurde eine Pistole gefunden, die Röhms Standartenführer Uhl vor der „Führer-Besprechung“ im Kurheim Hanselbauer in einem Sessel des Damensalons versteckt hatte - in jenem Salon, in dem Röhm für Hitler angeblich ein Festessen geben wollte. Uhl hätte somit , weil die Gäste beim Betreten des Salons offenbar nach Waffen durchsucht wurden, als einziger in dieser Tischrunde die Chance gehabt, Hitler zu erschießen.

Elf Jahre Weltgeschichte ohne Hitler? Ist in diesem Kurheim am See das Schicksal der Menschheit über sich selbst gestolpert?

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