Spurensuche

Schauplatz: Lazarett im Tegernseer Schloss

Vom Versuch, ein „Fliegendes Faustpfand“ vor den Sowjets zu retten

Sein Name ist mit einer der großartigsten Karrieren der Luftfahrtgeschichte ver­bun­den: Adolf Galland

Foto: Lexikon der Wehrmacht

Es gab in den letzten Kriegstagen 1945 offenbar den Versuch, von Tegernsee aus Hitlers einzige „real existierende Wunderwaffe“ unbeschädigt den Amerikanern zu übergeben, um sie nicht in die Hände der Sowjets fallen zu lassen: Schauplatz: Das Lazarett im Tegernseer Schloss. Die Schlüsselfigur: Generalleutnant Adolf Galland (1912-1996), einer der höchstdekorierten Jagdflieger der deutschen Luftwaffe. Und die „Wunderwaffe“: Der erste Düsenjäger der Welt, die Me 262. Hinweise aus der Leserschaft könnten helfen, Licht in dieses weitgehend unbekannte Kapitel der Zeitgeschichte zu bringen.

Es war ein Zufallsfund bei Recherchen für die Dokumentation „Kriegsende 1945 am Tegernsee“ in den TEGERNSEER TAL-Ausgaben 141 (2005/I) und 142 (2005/II) und für eine anschließende Film-Dokumentation über US-General Patton und die in den Kreuther Bergen verschanzte Waffen SS-Division „Götz von Berlichingen“. Die Recherchen ergaben, dass die Amerikaner Wochen nach der Kapitulation des Dritten Reiches in einer rätselhaften Operation kampffähige Einheiten dieser deutschen Division aus dem Tegernseer Tal in das Dorf Ottendichl östlich von München verlegt hatten. Und von Ottendichl führte eine Recherchen-Spur wiederum zurück in das Tegernseer Tal, zu einem Patienten im Lazarett der evakuierten Universitätsklinik München im Tegernseer Schloss: Zur „Fliegerlegende“ Adolf Galland.

Rarität aus einem Innsbrucker Archiv: Der erste Düsenjäger der Welt, die Me 262, vor der Karwendel-Massiv auf dem Innsbrucker Flughafen, bewacht von einem GI. Das Schicksal der anderen „Donnervögel“, die auf dem Flughafen Salzburg in Flammen aufgingen, blieb ihm erspart. Und der Albtraum des Luftwaffen-Generals Galland, Lazarett-Patient in Tegernsee, die Maschine könnte den Sowjets in die Hände fallen, fand nicht statt.

Foto: Stadtarchiv Innsbruck

„Wer die Me 262 hat, dem gehört der Himmel“

Galland, unter anderem Träger der Brillanten zum Ritterkreuz am Eisernen Kreuz, hatte Anfang 1945 das Kommando über den „Jagdverband 44“ und damit über die ersten in Serie gefertigten Strahlflugzeuge der Welt übernommen – die Messerschmitt Me 262. Sie war, allein schon durch ihre Höchst­ge­schwindig­keit von 860 Stund­en­kilo­metern, allen gegnerischen Maschinen überlegen und so stand es bereits vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches fest: Die Me 262 war für die Deutschen ein „Fliegendes Faustpfand“. Und die Siegermacht, die den Wettlauf um die Kriegsbeute Me 262 und ihre Triebwerks-Technologie gewinnt, wird in künftigen militärischen Konflikten die Luftherrschaft haben. „Wer die Me 262 hat, dem gehört der Himmel“, prophezeite ein Militärhistoriker.

Die etwa 25 Düsenjäger des „JV 44“ waren gegen Kriegsende auf dem Flughafen München-Riem stationiert und wurden von General Galland wegen der zunehmenden Bombardierung des Flugfeldes in den letzten Wochen vor der Kapitulation in die Wälder rund um Ottendichl verlegt. Von ihren Verstecken in den Wäldern aus starteten die Me 262 auf provisorischen Feldpisten zu ihren Einsätzen, geflogen wurden sie von freiwilligen Piloten, ausnahmslos Ritterkreuzträgern. Galland selbst hatte bei einem Luftkampf in einer Me 262 („Sie fliegt, als würden Engel schieben“) am 26. April 1945 eine Knieverletzung erlitten, konnte bei einer Crashlandung noch aus der rollenden Maschine springen und kam nach einer Erstbehandlung in das Lazarett der Universitätsklinik München im Tegernseer Schloss. Von hier aus, das Kriegsende war nur noch eine Frage von Tagen, versuchte er den „Wundervogel“ Me 262 für den Westen zu retten - nämlich durch das Angebot der kampflosen Übergabe der Staffel an die US-Streitkräfte. Es war, noch galt das Kriegsrecht mit Standgerichten, ein Unternehmen auf Leben und Tod, das da im Tegernseer Schloss ablief. Und es war Eile geboten, da Berlin den Düsenjäger-Verband von Ottendichl über Salzburg nach Prag, also in den Operationsbereich der Roten Armee, verlegen wollte.

Der „Storch“ als Hoffnungsbringer

Galland stand auch im Tegernseer Lazarett in Kontakt mit seinem Stellvertreter und Vertrauten Oberstleutnant Heinz Bär, der in Ottendichl nun die Me 262-Einsätze befehligte - und Galland verfügte über eine Kuriermaschine, vermutlich eine Fieseler 156 „Storch“, die im Tegernseer Tal landen und starten konnte. Mit dieser FI 156 sollen zwei Vertraute Gallands am 1. Mai 1945 von Tegernsee aus die deutschen Linien überflogen haben, um amerikanischen Einheiten, die bereits bei Schleißheim standen, eine Botschaft von General Galland an den US-Oberkommandierenden, General Eisenhower, zu überbringen: Es war das Angebot, den Amerikanern die unversehrten Me 262-Strahltriebflugzeuge zu übergeben. Die örtlichen US-Kommandeure bei Schleißheim präzisierten die Übergabebedingungen, die beiden Kuriere flogen mit diesem Dokument zurück nach Tegernsee, Galland stimmte offenbar zu, aber beim Versuch, den Amerikanern die Antwort Gallands zu überbringen, wurde die Kuriermaschine versehentlich von einer US-Einheit abgeschossen. Obwohl einer der beiden Piloten überlebte (so eine Wikipedia-Quelle), hat Gallands Schreiben General Eisenhower nie erreicht.

Das Ende der „Donnervögel“

Damit war das Ende des ersten Düsenjäger-Kampfverbandes der Welt besiegelt: Weil die Front stündlich näher rückte, wurden die meisten Me 262-Maschinen von Ottendichl auf den Flughafen Salzburg verlegt, zumindest eine Maschine landete in Innsbruck. In Salzburg mussten die Piloten hilflos zusehen, wie ihre „Donnervögel“ vom Bodenpersonal der Wehrmacht und der SS gesprengt wurden, als die ersten US-Panzerspitzen auf das Flugfeld zurollten. Zwei Maschinen überstanden, einigermaßen unbeschädigt das Inferno; durch sie erhielt die amerikanische Militärflugzeug-Industrie im Bereich Strahlantrieb und Hochgeschwindigkeit einen technologischen Vorsprung, den die Sowjets über Jahrzehnte nicht aufholen konnten.

Die „Fieseler Storch“ im Landeanflug. Dem hochbeinigen, starren Fahrgestellt verdankt sie ihren Namen. Gut zu sehen, die Landeklappen und der feste Vorflügel

Foto: Wikipedia

Die Luftfahrtgeschichte könnte nun um das Kapitel „Tegernsee, General Galland und der erste Düsenjäger der Welt“ ergänzt werden, wenn sich weitere Belege für die Kurierflüge der Galland-Vertrauten fänden: Bei der Fi 165 „Storch“ handelte es sich um eine Maschine mit extremen Flugeigenschaften: Bei Gegenwind kam sie mit einer Startstrecke von 50 Metern aus, zum Landen genügten ihr 20 Meter. Es wäre also durchaus denkbar, dass die Kuriere Gallands beispielsweise von einer Wiesenpiste auf der Point oder vielleicht sogar vom Tegernseer Sportplatz aus flogen. Die Maschine fiel schon optisch durch ihre Bauart auf, ihrem hochbeinigen und starren Fahrgestell verdankte sie auch den Namen „Storch“.

Wer aus eigener Erinnerung oder aus Berichten von Angehörigen Informationen zu den damaligen Ereignissen beitragen kann, wird gebeten, die Redaktion TEGERNSEER TAL zu informieren, oder direkt den Autor: Dr. Michael Heim, Ossingerstraße 47 . 81375 München, Telefon 089 - 714 55 71, eMail: michael.heim@hfx-media.de .

Juli 2008

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