LESEPROBE - Vom Glück, an der Quelle zu sitzen - Seite 2Tegernseer Tal - Heft 165 - Frühjahr/Sommer 2017

Auch Schliersee wollte zunächst etwas ganz anderes: Im Jahr 1924 ersuchte die Marktgemeinde das Bayerische Oberbergamt in München um eine Genehmigung zum Aufsuchen von Fundstätten und zur Gewinnung von Eisen- und Manganerzen sowie von Graphit und Braunkohle. Dem Antrag wird stattgegeben, die Gemeinde Schliersee erhält das Recht, auf einer 200 Hektar großen Fläche bis in eine Tiefe von 600 Metern nach diesen Erzen zu bohren.

Doch dann findet sich in den Akten des Oberbergamts (Bayer. Hauptstaatsarchiv – BMWI 4149) folgender Bericht: »Am 26. Dez. 1924 teilte der Inhaber der Firma Gall Wasserversorgung Rimsting, Herr Ing. Johann Gall, dem Bürgermeister im Beisein des Ortspflegers Josef Heckmair mit, dass er vor einiger Zeit mit dem bekannten Wünschelrutengänger, Herrn Eisenbahnoberingenieur Kittemann aus Nürnberg, (…) am Schliersee entlang gefahren sei, wobei Herr Georg Kittemann zufällig die Wünschelrute in die Hand genommen habe, die einen ihm bis dahin nicht bekannten Ausschlag zeigte. Herr Kittemann ließ es sich nun angelegen sein, sich darüber Gewissheit zu verschaffen. Er hatte die Vermutung, dass es sich um irgendein Mineral handle, genau wie in Tölz, Wiessee und anderen Orten. Er stellte mit aller Bestimmtheit fest, dass die Wünschelrute bei den dortigen Jodquellen genau den gleichen Ausschlag zeigte. Es wurde dabei ein Punkt am rechten Ufer des Spießbaches als geeignetste Bohrstelle bestimmt.«

Otto Edler von Graeve

Otto Edler von Graeve (1872–1948) aus Gernrode am Harz. Der berühmteste Wünschelrutenforscher seiner Zeit wirkte an der Auswahl der Schlierseer Bohrstelle mit.

Am 19. Februar 1925 begab sich der 1. Bürgermeister zum Bezirksamt Miesbach und reichte ein Gesuch um Genehmigung der Vornahme der Bohrarbeiten ein. Vom Ingenieurbüro Gall forderte man schriftliche Gutachten eines Wünschelrutengängers und eines Geologen an. Die Unterlagen überzeugten: Am 4. März beschloss der Marktgemeinderat einstimmig, mit dem Unternehmen aus Rimsting einen Vertrag abzuschließen. Einen Monat später trafen sich alle Verantwortlichen am Spießbach und wurden Zeuge, wie der Eisenbahnoberingenieur und Wünschelrutengänger Kittemann noch einmal exakt die Bohrstelle bestimmte. Doch Johann Gall wollte auf Nummer sicher gehen. Er beauftragte den unumstrittenen "Star" der damaligen Wünschelruten-Forscherszene: Otto Edler von Graeve aus Gernrode am Harz. Gleichzeitig zog er mit Dr. Ing. Heinrich Stuchlik, kgl. Bergmeister in Traunstein, einen namhaften Geologen hinzu.

Herr von Graeve traf am 22. April 1925 nachmittags in Schliersee ein, Herr Stuchlik kam am nächsten Morgen. Dann begingen sie gemeinsam das Gelände, und es zeigten sich »ganz außergewöhnliche und geradezu verblüffende Feststellungen« mit der Wünschelrute. Es erwies sich, dass Herr Stuchlik bezüglich der Richtung des Jodlaufes vollkommen mit Herrn Kittemann übereinstimmte. Dagegen bezeichnete Herr von Graeve eine Stelle links des Spießbaches, jedoch unweit der von Herrn Kittemann bezeichneten, als die günstigste Bohrstelle. Herr Bergrat Stuchlik schloss sich dieser Ansicht an, an dem neuem Punkt festzuhalten. Bezüglich der Tiefe gingen allerdings die Ansichten der beiden Wünschelrutengänger auseinander. Während Herr Kittemann eine Bohrung von mindestens 350 bis etwa 600 Meter für erforderlich erachtete, vertrat Herr von Graeve den Standpunkt, dass an der bezeichneten Stelle schon in einer Tiefe von 78 Metern Jod festgestellt werden müsse.

Geschichte

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