LESEPROBE - Das Erbe der frommen Königin - Seite 2Tegernseer Tal - Heft 164 - Herbst/Winter 2016/2017

Wann auf diese Weise der allererste evangelische Gottesdienst im Tegernseer Tal stattfand, lässt sich nicht ganz genau sagen. Aber weil die königliche Familie nach dem Kauf erstmals im Juni 1817 für zwei Tage und dann (samt Hofstaat) wieder Ende August für eine Woche nach Tegernsee kam, darf man annehmen, dass es bereits in diesem Jahr war.

Für die evangelischen Gottesdienste wurde im Schloss eigens ein »Betsaal« eingerichtet. Von dessen Lage und Aussehen wissen wir leider nicht viel. Ein früher Reiseführer von 1832 sagt nur, er sei »in würdevoller Einfachheit ausgestattet« und besitze »Orgel und Kanzel«. Ein anderer von 1838 lokalisiert ihn (ohne nähere Angabe) im ersten Stock des Schlosses. Dies passt zu der in der herzoglichen Familie bestehenden Überlieferung, der frühere Betsaal sei heute das Besprechungszimmer des Herzoglichen Brauhauses. So darf man die Königin wohl von dem (immer wieder zu lesenden) Vorwurf freisprechen, sie habe in protestantischer Nüchternheit die barocke Ausstattung des Kloster- Refektoriums (heute Bibliothek des Gymnasiums im Erdgeschoß unter dem Barocksaal) zerstören lassen, um daraus einen nichtssagenden privaten Andachtsraum zu machen. Denn der Tegernseer Kaspar Petzenbacher notierte noch im September 1820, im ehemaligen Refektorium habe ein »Freiball« stattgefunden.

Wo auch immer: Wenn der Hof in Tegernsee war und erst recht, als die 1825 verwitwete Königin stets den ganzen Sommer und Herbst in Tegernsee zu verbringen pflegte, predigte Dr. Schmidt regelmäßig für seine Dienstherrin und deren evangelisches Gefolge. Im Normalfall tat er das »vor einer wenig zahlreichen gebildeten Versammlung«. Aber wenn – und das war nicht selten – hoher Besuch evangelischer Konfession nach Tegernsee kam, waren unter seinen Zuhörern auch gekrönte Häupter. Der evangelische Gottesdienst »in der freundlichen Schlosskapelle« scheint aber auch der (natürlich durchweg katholischen) einheimischen Bevölkerung offen gestanden zu sein. Und diese hat die Gelegenheit, einmal jemand anderen als den eigenen Pfarrer zu hören, offenbar genutzt. Denn Schmidt schreibt in seinen Lebenserinnerungen: » … ich … hatte auch unter diesen stockkatholischen Bergbewohnern viele aufmerksame Zuhörer.« Zu den Zuhörern zählten zeitweilig (nämlich bis zu ihrer zwangsweisen Umsiedlung ins preußische Riesengebirge 1837) auch evangelische Tiroler aus dem Zillertal. In ihrer Heimat war ihnen die öffentliche Ausübung ihres Glaubens verwehrt. So nahmen sie den langen Weg über den Achensee in Kauf, um in Schloss Tegernsee am protestantischen Gottesdienst teilzunehmen. Der Kabinettsprediger versorgte sie auch mit Gesangbüchern – alles mit Duldung der Königin und ungeachtet möglicher diplomatischer Schwierigkeiten.

Später hat Schmidt auf vielfache Bitten eine Auswahl seiner Tegernseer Predigten unter dem Titel »Christliche Reden und Betrachtungen bei dem Privat-Gottesdienste weil. Ihrer Majestät der verw. Königin von Bayern« veröffentlicht. Da er an die kirchliche Leseordnung nicht gebunden war, legte er seinen Ansprachen fast ausschließlich Worte Jesu aus den Evangelien zugrunde. Leider findet man deshalb darin keine Bezüge auf Tegernsee oder auf zeitgenössische Ereignisse.

Der Kabinettsprediger genoss in der königlichen Familie eine Vertrauensstellung. So leistete er 1823 in Tegernsee wichtige Vermittlerdienste bei der konfessionspolitisch heiklen Anbahnung der Ehe der (katholischen) Königstochter Elisabeth mit dem (natürlich protestantischen) Kronprinzen von Preußen, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. 1824 erwirkte er beim Königspaar die Schenkung der ehemaligen Chororgel der Tegernseer Kirche an die evangelische Kolonisten-Gemeinde von Großkarolinenfeld bei Aibling. Die Königin-Witwe betraute ihn 1828 mit der Rede bei der Grundsteinlegung für das Königs-Denkmal in Wildbad Kreuth und übertrug ihm auch die Ober-Administration ihrer Besitzungen am Tegernsee, was ihn »vielfach, aber angenehm beschäftigte«. »... ich lebte glücklich im Schoosse einer reizenden Natur, genoss die Annehmlichkeiten eines glänzenden Hofes, und das Gefühl einer nützlichen Thätigkeit, welches die Arbeit zum Genusse machte noch am späten Abend meines Lebens.«

Geschichte

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 164