LESEPROBETegernseer Tal - Heft 162 - Ausgabe 2015/II

Vogelfrei im Schutzgebiet

Hatz auf die Gams

»Auf den Spuren der zerschossenen Strukturen« gelangt man sehr schnell in das Dickicht einer Doktrin namens »Wald vor Wild«: Wo die Forstadministration Bergwälder zu »Schutzgebieten« erklärt, wird das Gamswild vogelfrei. Die Begrenzung der Schusszeit auf den Zeitraum 1. August bis 15. Dezember gilt dann nicht mehr, auf die Gams darf das ganze Jahr über geschossen werden – mit der Folge, dass die Altersstrukturen dieser Wild- Population in sich zusammenbrechen.

»Wenn Ihr so weitermacht's, wird die Gams bei Euch komplett abstürzen«, sagte – mit der gebührenden Distanz des Gastredners – der Wildbiologe der Landesregierung von Vorarlberg, Hubert Schatz, bei der Hegeschau 2015 der Kreisgruppe Miesbach des Bayerischen Jagdverbandes. Die Jäger dankten es ihm mit Applaus, denn sie geraten ja selbst unter Beschuss, wenn sie die amtlich vorgegebenen Abschusszahlen nicht erfüllen.

Geplante Wasserschutzzonen an der Mangfall

Schutzwald, welch ein erhabenes Wort, das leider allzu oft für administrative Borniertheit steht, wenn Schutzwald dort hochgezogen werden soll, wo es ihn nie gegeben hat. Ein augenscheinliches Beispiel (weil von der Bundesstraße her einsehbar) ist beispielsweise das Grüneck in den Kreuther Bergen, eine steil nach Süden abfallende Bergflanke gegenüber von Wildbad Kreuth: Humusschicht nicht einmal eine Handbreit stark, seit eh und je kein natürlicher Baumbestand, da felsiger Untergrund; schon der Name »Grüneck« deutet auf Bergwiesen hin, also auf Grasbewuchs. Das Grüneck wäre somit – wegen Südlage, Sonneneinstrahlung und Vegetation – im Winter das ideale Einstandsgebiet für die Gams, die kein Futter annimmt, sich hier aber unter dem Schnee das »Lahnagras «, Moos und Flechten freischarren könnte, statt weiter unten Bäume verbeißen zu müssen. So ungefähr halt, wie sich der liebe Gott des Nebeneinander von Wild und Wald vorgestellt hatte...

Nun gibt es aber im bayerischen Landwirtschaftsministerium und bei den Bayerischen Staatsforsten Schreibtisch- Strategen, die seit Jahren glauben, sie müssten dem Grüneck einen Schutzwald aufzwingen, um im Talgrund die Bundesstraße zum Achenpass vor Lawinenabgängen zu schützen – ein feines Argument, zur Beruhigung der Steuerzahler, die nun schon seit Jahrzehnten am Grüneck den blanken Planungswahnsinn finanzieren: Immer wieder werden, zusätzlich zu manueller Lawinenverbauung, dort oben Fichtenschösslinge gepflanzt. Die kümmern dann vor sich hin, verklumpen mit dem Schnee und fahren (wobei sie noch die fragile Humusschicht aufreißen und mitnehmen) irgendwann mit einem Schneebrett zu Tal. Auf die Idee, unten am »Lawinenstrich« Grüneck, das wären zwei- oder dreihundert Meter, die Straße mit einer Lawinengalerie zu überdachen, wie es die Tiroler praktizieren, mit Erfolg und kostengünstig – auf diese Idee würde man im bayerischen Landwirtschaftsministerium auch kommen, aber das wäre dann Sache des Verkehrsministeriums und darf somit wohl nicht sein.

Zeitgeschehen

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 162