LESEPROBETegernseer Tal - Heft 160 - Ausgabe 2014/II

Ein europäischer Fürstentreff

Die Zarentochter und ihr »Sengerschloss«

Herzogin Marie von Sachsen-Coburg

Fürstliche Tage am Tegernsee… Mit dem Zug kommt im September 1904 Ihre K.K. Hoheit Frau Herzogin Marie von Sachsen-Coburg und Gotha mit den Prinzessinnen Alexandra und Beatrix samt Suite und Gefolge nach Tegernsee und begibt sich sofort auf ihr Sengerschloss, wo die hohen Herrschaften sechs Wochen zu verweilen gedenken. Gleichsam zur Begrüßung, so vermutet die Heimatzeitung »Seegeist«, beginnt hinter dem Hotel Guggemos ein junger Apfelbaum zum dritten Mal in diesem Jahr zu blühen. Und dem beliebten Alpensänger-Terzett »Bader Bertl« widerfährt die hohe Ehre, vor den Herrschaften, denen sich noch das rumänische Kronprinzenpaar anschließt, auf der Schlossterrasse über dem See konzertieren zu dürfen…

Die Wittelsbacher Sommerresidenz in Schloss Tegernsee, Wildbad Kreuth (seinerzeit ein Kurort von europäischem Rang) und das Sengerschloss (benannt nach seinem Erbauer, dem Unternehmer Senger, heute Hotel DAS TEGERNSEE) bilden einen »Triangel monarchischen Lebens« im Tal. So finden sich im September 1906 mit dem Berliner Kronprinzenpaar unter anderem die russischen Großfürsten Wladimir und Kyrill, die Kronprinzessin von Griechenland und der Kronprinz von Rumänien auf dem Sengerschloss ein. Die Hoheiten residieren auch im einstigen »Serbenhotel« mit damals freiem Seeblick am nördlichen Ortseingang von Tegernsee, die Herren gehen zur Jagd in die herzoglichen Reviere rund um Kreuth, während die Damen im Schutz ihrer Sonnenschirme am See promenieren. Man begibt sich ohne Herablassung unter das Volk, wie es heißt, und zur abendlichen Stunde, beim Souper, kommt schon mal der Musikverein Tegernsee in einem mit Lampions gezierten Schiff angefahren und bringt vor dem »Serbenhotel« ein Musikständchen dar.

Im Oktober 1908 weilen als Gäste auf dem Sengerschloss Königin Ena von Spanien (per Automobil von München angereist) und König Alfons von Spanien (per Extrazug samt Suite in das flaggengeschmückte Tegernsee nachgereist). Für den Tegernseer Postillon Zaller, so die Heimatzeitung, war der hohe Besuch ein Geschenk des Himmels: »Im illuminierten Schlossgarten durfte er dem spanischen Königspaar einige Lieder auf dem Posthorn vortragen. Die Königin gab dem Postillon die Hand und bedankte sich bei demselben für das Gehörte, das ihr sehr gut gefallen habe. Hierauf ließ die Königin dem Hocherfreuten durch einen Diener eine Einhundertmarknote überreichen.«

Dies also wären Streiflichter aus dem monarchischen Tegernsee in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, was aber nirgendwo geschrieben steht und die Vorstellungskraft schon ein wenig überfordert: Im Sengerschloss begegneten sich, gewissermaßen Hand in Hand das russische Zarenreich und das Vereinigte Königreich von Großbritannien. Denn Herzogin Marie (1853-1920), Herrin auf dem Sengerschloss, war als Zarentochter Marija Alexandrowna Romanowa geboren und damit russische Großfürstin und Kaiserliche Hoheit; ihr Gemahl Alfred (1844-1900) war zweitgeborener Sohn der Queen Victoria mit dem Titel: Seine Königliche Hoheit Prinz Alfred von Großbritannien und Irland, Duke of Edinburgh. Und beide waren nur Figuren in den strategischen Heiratsspielen europäischer Großmächte, ein Spiel, in dem Gefühle und Neigungen wenig galten. Es zählte die Staatsräson, wie man es auch von den Wittelsbacher Nachbarn zu Tegernsee und Wildbad Kreuth kannte.

Im Coburger Staatsarchiv findet sich der Ehevertrag, den Zar Alexander II. als »Herr aller Reussen« und Queen Victoria im Januar 1874 für ihre Kinder aushandelten, respektive für die Interessen ihrer Reiche: In der Präambel heißt es, Prinz Alfred habe – »with the authorization of Her Majesty The Queen« – sein Verlangen (»desire«) bekundet, um die Hand der Großfürstin an- zuhalten, was Marija wohlgesinnt aufgenommen habe. Der Zar und die Queen erbitten den Segen des Herrn für diese »union of their well beloved daughter and son« und für die Stärkung der bereits bestehenden freundschaftlichen Bande zwischen den Kaiserlichen und Königlichen Häusern von Russland und Großbritannien. Dieser Ehevertrag fällt in eine Zeit, so könnte man sagen, »beiderseitigen Atemholens der Großmächte«: Im Krimkrieg (1853-1856) hatte England mit Frankreich und dem Osmanischen Reich gegen Russland gekämpft, vier Jahre nach dem Ehevertrag blockiert England auf dem Berliner Kongress russische Ambitionen, über ein Großbulgarien Zugang zur Adria zu gewinnen.

Geschichte

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 160