LESEPROBETegernseer Tal - Heft 159 - Ausgabe 2014/I

Eine Tragödie im Leben des Leo Slezak

Als der See den Sänger Sturmfels holte

Bei einer Zeitreise durch die alten Bände der Tegernseer Zeitung stießen wir auf ein Bootsunglück, das sich vor 101 Jahren auf dem Tegernsee ereignete. Es bewegte nicht nur die Menschen im Tal, sondern auch die gesamte deutsche Musikwelt – es war eine Tragödie über den Tag hinaus, und doch ist sie heute vergessen. So seien hier, ergänzt durch Recherchen des Slezak-Biographen Hubertus Thoma, als Zufallsfund die »Seegeist«-Berichte vom August 1913 wiedergegeben: Als am 7. August 1913 das Segelboot des weltberühmten Tenors und Schauspielers Leo Slezak in Höhe des Großen Paraplui an der Point kentert, ertrinkt der Leipziger Operettensängers Fritz Sturmfels, 41 Jahre alt. Slezak hat seinen Tod nie verwunden.

Fritz Sturmfels und seine Gattin Änny Untucht

Auch in Amerika ein gefeiertes Künstlerpaar, Fritz Sturmfels und seine Gattin Änny Untucht, es gibt hinreißende Fotos von ihnen aus der Welt der Operette, in »Trenck der Pandur« zum Beispiel. Die Tegernseer Tracht aber war für sie kein Kostüm, sie fühlten sich hier daheim

Leo Slezak, 1873 in Mährisch-Schönberg (Böhmen) geboren und 1946 in Rottach-Egern gestorben, war in der ganzen Welt vor allem als Wagner- und Verdi- Sänger gefeiert – aber im Malerwinkel am Egerner See war er daheim, in einem Bauernanwesen, das er als seinen »Stimmritzenprotzenhof« liebte. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: »Wenn es mir im Winter noch so miserabel geht, wenn mir bei den dreimal wöchentlichen Todeskämpfen, die ich laut Vertrag zu absolvieren habe, noch so sehr die Zunge heraushängt… so ist meine Stärkung immerzu: Noch so und so lange, und du bist am Tegernsee daheim, auf deiner hölzernen Ritterburg, bei deinen Hunden, Blumen, Katzen und Kiniglhasen…«

Leo Slezak

Leo Slezak über Leo Slezak, der in seinen Heldenrollen allein schon durch sein Auftreten beeindruckte: »Ich bin 1 Meter 95 groß, imposant in der Erscheinung und, wie alle Bedeutenden, vollschlank. Augen: tegernseeblau. Schuhgröße: Als nach dem Friedensvertrag von Versailles alle Schlachtschiffe abgeliefert werden mussten, hat man mir meine Galoschen weggenommen, weil man sie für die kleinere Type eines unbemannten Unterseebootes hielt«

Am 7. August 1913, einem Donnerstag, kommt es im Hause Slezak zu einer schicksalshaften Begegnung, Lebensfäden überkreuzen sich – und einen davon werden, als wär's ein Bühnenstück, die Nornen durchschneiden: Slezak empfängt, wie Hubertus Thoma im Archiv des Österreichischen Theatermuseums herausgefunden hat, vormittags einen Agenten, vermutlich einen Theaterleiter, um über künftige Auftritte zu verhandeln. Die Einladung zum Mittagessen lehnt der Gast mit dem Hinweis ab, dass er mit dem Leipziger Operetten­sänger Fritz Sturmfels verabredet sei. Das Ehepaar Slezak schlägt vor, Sturmfels mitzubringen, so geschieht es – und man sympathisiert offensichtlich beim Essen, jedenfalls lädt Slezak, ein begeisterter Segler, die beiden Herren zu einer Bootspartie ein. Der Theaterleiter entschuldigt sich aber, wegen einer weiteren Verabredung, Sturmfels begibt sich am späten Nachmittag mit Slezak zum Boot, ihnen folgt noch der Frankfurter Opernintendant Volkner. Und hier setzt nun der »Seegeist«-Bericht an:

Slezaks Segelboot – auf »Sturmvogel« getauft, von Slezak aber auch »Liserl« genannt – legt mit den drei Insassen am Egerner Ufer, in Höhe der »Überfahrt«, ab und nimmt Kurs auf Tegernsee. In der Ausgabe vom 8. August 1913 heißt es in der allgemeinen Verwirrung zunächst, das Boot sei kurz darauf in ein plötzlich hereinbrechendes Unwetter geraten und in der sogenannten Kellerer- Bucht gekentert. Arbeiter der Bootswerft Kellerer und Uferbewohner von Egern hätten Slezak und den Intendanten aus den hoch aufschäumenden Wellen retten können, Sturmfels gelte als vermisst und sei wohl ertrunken: »Nur kurze Zeit währte der Sturm, lange genug aber, um ein junges Menschenleben zu knicken.«

Begegnungen
Wasserfläche mit Ufer

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im Heft 159. Es ist ab April 2014 im Handel erhältlich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 159