LESEPROBE Tegernseer Tal - Heft 158 - Ausgabe 2013/II

bewaldeter Staudamm
Von der Natur wieder vereinnahmt: Hinter diesen Bäumen verbirgt sich der Staudamm des Abtes Kaspar Aindorfer; zwischen den beiden Birken (links) gibt es noch einen freien Blick auf die südliche »Dammschulter«

LESEPROBE

Aus dem Weltall entdeckt: Wasserbautechnik vor 600 Jahren

Ein Abt und sein versunkener See

Mitunter ist das Auge des Astronauten schneller am Bodenziel als der Waldläufer. Der vergessene Staudamm, den der Tegernseer Abt Kaspar Aindorfer um das Jahr 1455 im oberen Festenbachtal errichten ließ, ist auf Aufnahmen aus dem Weltraum jedenfalls eher zu erkennen als im Talgrund selbst, wo die Natur ein mächtiges Erdwerk überwuchert hat. Der künstliche See, den der Damm aufstaute, war für die Fischzucht gedacht – und böte sich heute, angesichts der geradezu dramatischen Hochwasser-Geschehnisse 2004 und 2013, als Rückhaltebecken an.

In seiner erhabenen Reinheit hätte es der Tegernsee nicht erlaubt, dass die Tegernseer Mönche die Fastengebote einhalten können, die besagen: »Kein Fleisch, allenfalls Fischgerichte in der vierzigtägigen großen Fastenzeit vor dem Hochfest Ostern, aber auch an jedem Freitag, dem gedenktag an den Tod Jesu!« Die Fangerträge der Klosterfischer waren einfach zu gering, weil in dem klaren und zudem kalten Bergwasser des Tegernsees und seiner Bäche die Nährstoffe fehlten, und so suchte das Kloster abhilfe mit dem Bau von Fischweihern bei Hartpenning, Georgenried und Wiessee(1) – mit mäßigem Erfolg. »Das Erträgnis war nicht befriedigend und die Weiher zu entlegen«, schreibt Pfarrer Johann Nepomuk Kisslinger in seiner Egerner Chronik von 1907. »Auch werden den Klosterherren, die in See und Bach die edelsten Fischarten hatten, die nach Moos schmeckenden Weiherkarpfen schwerlich gemundet haben.«

Luftbild und Karte von der Lage des Staudamms

Aus »Google Earth«-Sicht zu erkennen: im Kreis ein bewaldeter »Querriegel«, es ist der Staudamm, den der Tegernseer Abt aufschütten ließ; im Bild rechts oben Georgenried, der bewaldete Längsstreifen (links vom Kreis) säumt den Festenbach, dessen Wasser aus dem Einzugsgebiet in den Wiesseer Vorbergen (Bild rechts) hier aufgestaut wurde.

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im Heft 158. Es ist ab Oktober 2013 im Handel erhältlich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 156

(1) Oef.rer.boic.script. I.631. Eichenbohlen, die der Anlage des Wiesseer Fischweihers dienten, wurden bei Kanal­bau­ar­beiten in den 1950er-Jahren in der Wiesseer Hirsch­berg­straße gefunden; der Weiher befand sich also zwischen Zeisel­bach und Breiten­bach und wurde offenbar vom »Moos­bach« gespeist.