LESEPROBE Tegernseer Tal - Heft 156 - Ausgabe 2012/II

LESEPROBE

Napoleons Größenwahn und die Toten aus dem Tal

Vom Flügelschlag zwischen zwei Welten

Geschichte ist mitunter ein wundersames Gespinst aus Zufällen und Fügungen, da zieht das Weberschiffchen der Zeit Fäden vom Hexentanzplatz auf der Brecherspitz zu einem Schlachtengemälde in der Egerner Kirche und zum Sarkophag des Marschalls Berthier in der Wittelsbacher Familiengruft zu Tegernsee… und führt uns zweihundert Jahre zurück zu einer der großen europäischen Tragödien, zu Napoleons Russland-Feldzug, Winter 1812/13. Und zu den Toten aus dem Tal..

Dass das Königreich Bayern für den imperialen Größenwahn Napoleons 30 000 Soldaten rekrutieren musste, von denen nur wenige zurückkehrten – daran erinnert, ohne das Grauen ahnen zu lassen, im Volk nur diese eine Überlieferung, die Heinrich Noe 1865 in seinem »Bairischen Seebuch« aufzeichnete. Bei seinen Nachforschungen über die beiden einzigen Hexentanzplätze in den bayerischen Bergen, Brecherspitz am Schliersee und Ringspitz am Tegernsee, erfuhr er folgendes: Als die bairischen Soldaten in Rußland marschieren und sterben mußten, fiel es einmal einer russischen Bäuerin ein, einen todtmüden Mann zu fragen, welches seine Heimath wäre. Er antwortete: »Ich bin aus Baiern, aus dem Gerichte Miesbach.
- Das ist ja nicht weit von der Brecherspitz, antwortete die Bäuerin
- Jetzt weiß ich schon, was Du für eine bist! rief der erstaunte Soldat. Die Russin aber schwieg.«

Die Grande Armée, mit der Napoleon im Juni 1812 in Russland einfiel, war mit 480 000 Soldaten die wohl größte europäische Streitmacht seit Menschengedenken. Die Verlustzahlen schwanken, vermutlich haben nicht einmal 100 000 Mann die Kämpfe auf den Schlachtfeldern überlebt, dann die Überfälle der Kosaken während des Rückzugs, den Hunger, die Epidemien und die Kälte. Ein Heer der namenlosen Toten blieb in den Weiten Russlands zurück, aber für unser Tal nimmt die Tragödie auf einem Schlachten-Gemälde in der Egerner Pfarrkirche Konturen an.

Schlachtengemälde aus der Egerner Kirche Miniatur des kompletten Schlachtengemäldes

Das Gemälde in der Egerner Kirche, zweifellos als Gegenstück zum dortigen Votivbild der Sendlinger Bauernschlacht gedacht, stellt wohl keine bestimmte Schlacht dar, versteht sich vielmehr als ganz allgemeine Erinnerung an die überstandenen Kriege. Selbst Votivgabe im strengen Sinn ist das Bild nicht, die Muttergottes ist keine Wiedergabe des Egerner Gnadenbildes. Zwei Personen auf dem Bild lassen sich identifizieren: Der Mann auf dem Schimmel ist Feldmarschall von Wrede (erkennbar an seinem Backenbart), der Reiter mit dem runden Gesicht direkt hinter ihm ist General von Deroy, der 1812 bei Poloczk fiel. Beide werden in der Inschrift als Befehlshaber des Bayerischen Kontingentes innerhalb der Napoleon-Armee genannt. Die Mittel für das Gemälde wurden von den überlebenden Kriegsteilnehmern aufgebracht, hinzu kamen Spenden aus dem Hause Wittelsbach. Gemalt wurde es von Dietrich Monten, der auch drei der Wandbilder in den Münchner Hofgarten-Arkaden schuf (nach Lindemann/Kisslinger, s. Literatur)

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im Heft 156. Es ist ab April 2012 im Handel erhältlich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 156