Tegernseer Tal - Heft 154 - Ausgabe 2011/II

LESEPROBE

Die Amerikaner, das Tal und die Stunde Null

Wegweisungen durch ein Minenfeld der Gefühle

Gesamtansicht des Pergamon-Altars

…Auch wenn wir Deutschland besiegt haben, lass dich nicht auf Verbrüderung ein… wird den US-Soldaten schon vor der Kapitulation des Dritten Reiches in diesem »Taschenführer« eingeschärft…Verrate nicht durch Fraternisierung deine Kameraden, die starben, um die Welt von den deutschen Kriegstreibern zu befreien… (Der Kartenausschnitt stammt aus den Aufmarschplänen der III. US-Army)

Stell dir vor, es ist noch Krieg, 4. Mai 1945: Im Tegernseer Tal hat sich die SS-Panzergrenadier-Division »Götz von Berlichingen« verschanzt, vor Gmund steht das 141.Infantry Regiment der III. US-Army – und die Amerikaner wollen mit den Tal-Bürgermeistern telefonieren, um dem Tal und seinen Lazaretten mit Tausenden von deutschen Verwundeten ein Bombardement zu ersparen. Sie rufen an, und niemand in den Rathäusern geht (oder kann) hin….

Eine fast unglaubliche Begebenheit, auch wenn die Verbindung nicht zustande kam: Der Angreifer, der wegen seiner Luftüberlegenheit kein eigenes Risiko eingegangen wäre, ruft vorher an, um ein Blutvergießen zu vermeiden. Sie ist belegbar (siehe Faksimile aus Kampfbericht 141st Infantry Regiment) und sie zeigt die Umsicht, mit der sich die Amerikaner, auch in ihrer inneren Einstellung, auf das Ende des Dritten Reiches, die Einführung der Demokratie und den Wiederaufbau Deutschlands vorbereiteten.

Aus dem internen »War Report« des 141st Infantry Battalion der III. US-Army vom 4. Mai 1945, Zusammenfassung: Durch Überläufer haben die US-Kommandeure erfahren, dass sich in Tegernsee, Rottach und Weißach etwa 4000 Patienten in Hospitälern befinden. Man habe vergeblich versucht, die Gemeinden telefonisch zu erreichen, damit sich die SS-Truppen ergeben oder aus den Gemeinden zurückziehen. Den Amerikanern liegen Informationen vor, wonach SS-Leute im Tal versuchten, an Zivilkleidern zu kommen, weil sie Angst hätten, in Uniform erschossen zu werden. Die US-Truppe erwägt den nächtlichen Abwurf von Flugblättern mit den »terms of the surrender« (wie sich die Deutschen zu ergeben hätten).

Dokument aus Sammlung Markus Wrba

Am Anfang steht die Information: Was werden Offiziere und GIs in einem eroberten und besetzten Land vorfinden? Ihre Quellen sind Geheimdienstberichte, Gefangenenverhöre, abgefangene Briefe. Aus dem Tegernseer Tal wussten die Amerikaner, schon vor dem Einmarsch, dass sie in Gmund den unbescholtenen Sozialdemokraten Hieronymus Feichtner, Lademeister der Tegernsee-Bahn, vorfinden und als Bürgermeister einsetzen würden. Ihnen war bekannt, dass sich in der Valepp eine Außenstelle des KZ Dachau befindet – deshalb schickten sie noch vor der Kapitulation der Berlichingen-Division ihr 1st Battalion, in einem sechsstündigen Fußmarsch durch das tiefverschneite Rottach- und Valepptal, hinauf in die Berge. Und sie wussten beispielsweise auch, dass der Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, auf seinem Anwesen in Neuhaus, dem Schoberhof, aus polnischem Beutegut auch Leonardo da Vincis »Dame mit dem Hermelin« versteckt hat. Und sie ahnten, was in den Köpfen der Besiegten vor sich gehen mag, die Armeeführung hatte ihnen ja einen »Pocket Guide to Germany« mitgegeben, einen Wegweiser durch die deutsche Sprache, aber auch durch Emotionen, Vorurteile und Missverständnisse, die sie in einem eroberten Land erwarten würden.

Unsere Redaktion verdankt Herbert Thalmeyer, Scheiben- und Wappenmaler in Weißach (der beispielsweise auch den Leonhardi-Truhenwagen der Schützengesellschaft Wolfsschlucht gestaltet hat) ein Exemplar dieses geheimen »Taschenführers«, der 1944 vom USArmy Information Branch für die kämpfende Truppe zusammengestellt wurde – also, wenn man die Vorbereitungszeit einkalkuliert, etwa zwei Jahre vor dem Sieg über Deutschland. Ein seltsames Gefühl mag sich beim Betrachter da in der Rückschau einstellen – die USA wussten schon vor D-Day und Landung in der Normandie, dass sie gewinnen würden. Sie hatten ja auch schon seit 1943 künftige Besatzungsoffiziere »für die Verwaltung besetzter feindlicher Gebiete« an US-Universitäten geschult; diese Offiziere wurden nach Shrivenham in Südengland verlegt und folgten dann der kämpfenden Truppe nach Deutschland; als Planungsgruppe German Country Unit (GCU) waren sie für die Administration in allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens verantwortlich.

Das Handbüchlein, das Thalmeier irgendwann von einem befreundeten Offizier der III. US-Army erhielt, trägt auf der ersten Seite den Hinweis: »es soll dich über das Land informieren, das du eroberst… Bleib den amerikanischen Soldaten treu, die gestorben sind, um die deutschen Kriegsmacher zu beseitigen. DO NOT FRATERNIZE« … lass dich auf keine Verbrüderung mit den Deutschen ein!

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im Heft 154. Es ist ab Oktober 2011 im Handel erhältlich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 154

Deutschland im Zweiten Weltkrieg, das ist wohl auch die Geschichte der größten Kunst-Raubzüge aller Zeiten. Die USArmy hatte deshalb schon vor Kriegsende Spezialeinheiten mit »Art Intelligence Officers« gebildet. Diese Kunstexperten im Offiziersrang – es sind Wissenschaftler, Dozenten und Galeristen im Zivilleben – sammelten über Agenten im besetzten Europa Informationen über den Verbleib der von Nazis geraubten Kunstschätze. So konnten sie beispielsweise, unmittelbar nach Einmarsch des 141st Infantry Regiment in Schliersee-Fischhausen im Schoberhof des Generalgouverneurs von Polen, des später als Kriegsverbrecher hingerichteten Hans Frank, das in Krakau geraubte Gemälde »Dame mit dem Hermelin« von Leonardo da Vinci sicherstellen

"Dame mit dem Hermelin" von Leonardo da Vinci