Tegernseer Tal - Heft 153 - Ausgabe 2011/I

LESEPROBE

Heilpflanzen in unseren Bergen (IX)

Vom Weißdorn
und vom Sommerwein

Merlin, der mächtige Heilkundige und Magier aus der Arthursage, war einmal unter einem Weißdorn eingeschlafen. Dort entlockte ihm die listige Fee Nimue durch einen Trick seine magischen Geheimnisse und bannte ihn mit einem Zauber an diesen Ort. Seitdem ist der Weißdorn beseelt von der großen Heilkraft des alten Meisters. Merlin hätte es wissen müssen! Ist dieser Dornbusch doch seit alter Zeit das Zuhause der Luftwesen, der Elfen und Feen. Hier treffen sie sich nachts zu ihren Versammlungen und zum Tanz.

Von der Valepp aus über die Schlagalm hinauf zum Schinderkar kommt man an einem mächtigen, von einem Wall aus Brennnesseln umsäumten Weißdornbusch vorbei. Und mit ein bisschen Glück, so wird erzählt, wenn man früh genug unterwegs ist, gerade im ersten Sonnenlicht, kann man noch das um den Busch kreisrund niedergetretene Gras entdecken, das vom nächtlichen Tanz der Elfen zeugt. Und manchmal, wenn die Sonnenstrahlen günstig auf die Wiese fallen, findet man noch Elfenhaar, das sich verfing, in den mit Tautropfen verzierten Spinnennetzen. Unsere Vorfahren schienen von all dem gewusst zu haben. Ehrten sie doch den Weißdorn als heiligen und schutzmagischen Baum. Auch legten die Menschen Weißdornzweige unter ihren Schlafplatz, um sich nachts vor negativen Einflüssen und Schwächung durch Wasseradern zu schützen. Heute ist es ruhig geworden um den alten Hagedorn. Bienen und Vögel freuen sich an seinen zartrosa Blüten und den an Vitamin C-reichen Beeren. Nur selten kommt noch ein Wanderer vorbei und zupft sich ein paar Blüten zwischen den dornigen Zweigen für einen Herztee oder einen Kräuterwein.

Wir finden den Weißdorn an Hecken und Wegrändern oder freistehend auf Almwiesen und Hainen, bis in eine Höhe von 1300 Metern. Er kann die Größe eines Baumes von vier bis fünf Metern erreichen und über fünfhundert Jahre alt werden. Im Mai und Juni ist er von kleinen weißen Blüten wie überschneit. Diese Blüten, und im Herbst die Beeren sind eines der besten Herzmittel! Kräuterpfarrer Künzle spricht ihnen eine noch größere Heilkraft, und vor allem, eine bessere Verträglichkeit zu als dem Fingerhut (Digitalis). Pharmakologen haben den Weißdorn längst unter die Lupe genommen. Sie führen seine herzstärkende Heilkraft auf einen gefäßerweiternden Wirkstoffkomplex aus Procyanidinen, Triterpensäure und bestimmten Flavonoiden zurück. Blüten und Beeren verbessern die Durchblutung des Herzmuskels und der kleinen Arterien im ganzen Körper, und das auch bei sklerotisch veränderten (verkalkten) Gefäßen. Das Herz bekommt mehr Sauerstoff. Schlagkraft und Stoffwechsel des Herzmuskels werden gestärkt. Und genau das braucht das müde Altersherz mit seinem schwachen, schleppenden Herzschlag. Aber auch bei allgemeiner Herzschwäche (Herzinsuffizienz), bei der Angina pectoris mit Druck und Beklemmungsgefühl in der Brust und zur Nachbehandlung eines Herzinfarktes kann der Weißdorn erstaunliche Hilfe leisten. An seine Heilkraft sollte aber auch bei der gefürchteten Herzmuskelschwäche oder -entzündung (Myokarditis) nach schweren Infektionskrankheiten gedacht werden. Hier kann die Rekonvaleszenz deutlich verbessert werden.

In der Apotheke gibt es inzwischen zahlreiche Weißdornpräparate. Bestens bewährt hat sich nach wie vor der Weißdorntee: einen Teelöffel voll frischer oder getrockneter Blüten übergießen wir mit einem Viertel Liter kochendem Wasser und lassen ihn zehn Minuten ziehen. Die mehligen, kugelig roten Weißdornfrüchte, die auch Mehlbeeren genannt werden, lässt man für einen Tee zwölf Stunden in lauem Wasser einweichen. Dann filtert man das Wasser ab und erwärmt es auf Trinktemperatur. Und wenn wir den Weißdorn schon aus seinem Schlaf des Vergessens wecken, so sollten wir es auch mit seinem herzstärkenden Kräuterwein tun, dem Sommerwein! Weißdorn- und Rosenblüten bilden bei dieser feinen Rezeptur die Grundlage in einem Wein mit mindestens 18 Prozent Alkoholgehalt. Er ist in der Apotheke als Medizinal- oder Ansatzwein erhältlich. Aber auch ein schwerer, guter Portwein eignet sich hervorragend. Das besondere an dieser Medizin ist, dass wir den Wein den ganzen Sommer über, je nach Art der Herzbeschwerden, mit zusätzlichen Blüten und Kräutern verfeinern können.

Foto mit Früchten des Weißdorns

Weißdornfrüchte, auch Mehlbeeren genannt, stärken das Herz

Rosengewächse, zu denen auch der Weißdorn zählt, stärken aus alter Sicht das Herz und machen ein »fröhliches Geblüt«. Deshalb bilden Rosenblüten neben dem Weißdorn die Basis des Sommerweins. Wir können ungespritzte Edelrosen (Rosa damascena und centifolia) aus dem eigenen Garten sammeln oder Wildrosen, die ab Juni an Wegrändern und Wiesen in üppigen Büschen blühen. Je eine kleine Handvoll genügt völlig! Übermäßige Sammelwut bringt nur die Rosen und Insekten in Nöte, macht unseren Wein aber nicht besser!

Die Blüten werden noch im Knospenstadium, kurz vor dem Erblühen gesammelt Wir geben sie zu einem dreiviertel Liter Wein in eine weithalsige Flasche. Das Ganze lassen wir zwei bis drei Tage in milder Sonne und anschließend noch zwei Wochen an einem kühlen Platz ruhen. Dann filtern wir den Wein ab und halten Ausschau nach den nächsten Blüten.

Bei Herzbeschwerden mit gleichzeitigem Bluthochdruck können wir ab Anfang Juli Arnikablüten dazugeben. Bekannt ist die heilende Kraft der Arnika eher bei Verletzungen und Wundheilungsstörungen. Sie ist aber auch ein hervorragendes Gefäßmittel und schützt gerade die empfindlichen Kopfgefäße bei Bluthochdruck vor einem Schlaganfall. Wir beziehen die Arnikablüten aus der Apotheke. Und das hat seinen guten Grund. Die Arnika steht unter Naturschutz. Denn in der freien Natur ist sie durch übermäßiges Sammeln an den Rand des Aussterbens gekommen.

Aus alter Sicht gibt es keine erfolgreiche Blutdruckbehandlung ohne Mitbehandlung der Niere. Was eignet sich da besser, als die heimische Goldrute (Solidago virgaurea). Auch sie wartet schon – an sonnigen Wegrändern und Berghängen. Ab Anfang Juli geben wir fünf bis sechs der goldgelben Blütenrispen ebenfalls für drei Wochen in den Wein. Möchten wir den Sommerwein als einen Stärkungswein bei Erschöpfungszuständen und in der Rekonvaleszenz ansetzen, so brauchen wir die Schlehe. Auch sie ist ein Rosengewächs. Der Pflanzenheilkundige Olaf Rippe empfiehlt hier die jungen Triebspitzen als die ideale Arznei bei Herzschwäche mit niedrigem Blutdruck und Kraftlosigkeit. Bereits im April legt man drei bis vier der gerade aufgeblühten Triebe als ersten Ansatz in den Wein. Rechtzeitig zur Weißdornblüte, ein paar Wochen später, wird der Wein wieder abgefiltert und, wie schon beschrieben, erst mit Weißdorn- und später mit Rosenblüten angesetzt.

Ein guter Stärkungswein braucht Bitterstoffe! Sie kräftigen und erwärmen den »kalten Magen« des erschöpften Menschen, verbessern Appetit und Verdauungskraft und regen die Blutbildung an. Keine Pflanze kann das besser, als der meterhohe, gelbe Alpenenzian (Gentiana lutea) mit seiner bitterstoffreichen Wurzel. Auch er steht heute unter Naturschutz. Wegen seiner für den Enzianschnaps so begehrten Wurzeln wurde er bei uns fast ausgerottet. Erst durch das strikte Sammelverbot kehrte er auf unsere Almwiesen und Berghänge zurück. Für unseren Wein verwenden wir die getrocknete Wurzel aus der Apotheke von Enzianpflanzen, die extra für heilkundliche Zwecke gezüchtet wurden. Ein kirschgroßes Wurzelstück, in dünne Scheiben geschnitten, lassen wir gut sechs Wochen im Wein ziehen.

Überforderten und gestressten Menschen mit nervösen Herzbeschwerden hilft eine andere Mischung. Hier geben wir nach den Weißdorn- und Rosenblüten eine Handvoll Melissenblätter zum Wein. Die Melisse kommt ursprünglich aus Südeuropa, ist aber schon seit langem in unseren Bauern- und Kräutergärten heimisch. »Die Wärme der Melisse erfreut das Herz« (Hildegard v. Bingen) Sie wirkt beruhigend bei Unruhe und nervösem Herzklopfen. Wenn sich die ersten Knospen des Johanniskrauts öffnen, wird es Zeit, die Melissenblätter aus dem Wein zu nehmen und die Ansatzprozedur mit der gleichen Menge Johanniskrautblüten zu wiederholen. Denn das Johanniskraut »vertreibt die Melancholie«. Es fördert den Tiefschlaf und wirkt gemütsaufhellend bei depressiver Verstimmung und Angstzuständen.

Mit den reifen Weißdornbeeren, Anfang September, beschließen wir den Sommerwein. Damit ihre ganze herzstärkende Kraft in den Wein übergehen kann, setzen wir eine Handvoll, im Mörser zerstoßene Beeren, in hundert Milliliter 40-prozentigem Alkohol an. Nach zwei Wochen sieben wir auch hier die Beeren ab und geben die Tinktur zum Sommerwein. Durch diesen konzentrierten Beerenauszug wird der Wein nicht nur heilkräftiger, sondern auch hochprozentiger und dadurch für Monate gut haltbar. Jetzt haben wir eine individuelle Kräutermedizin für die lange kalte Jahreszeit, bestens abgestimmt auf die jeweiligen Herzbeschwerden.

Vom Sommerwein trinkt man täglich ein bis zwei Likörgläschen. Genießt man mehr davon, so könnte es schon sein, dass einem plötzlich das eine oder andere Elfenvölkchen begegnet. Ob das dann an der übermäßigen Kraft des Weißdorns oder doch am Alkohol liegt – nun, dem Elfenvölkchen dürfte es egal sein.

Susanne Heim

Die Autorin, Heilpraktikerin in Fischbachau, hat im TEGERNSEER TAL bereits diese Heilpflanzen vorgestellt: Wundklee in TT-Heft 145 (2007/I), Beinwell in TT-146 (2007/II), Huflattich in TT-147 (2008/I), Holunder in TT-148 (2008/ II), Brennnessel in TT-149 (2009/I), Johanniskraut in TT-150 (2009/II), Löwenzahn in TT-151 (2010/I), Bäume/ Baumharz in TT-152 (2010/II)

Fotos: phytodoc, academic dictionaries, wikimedia commons

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im
Heft 153. Es ist ab April 2011 im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 153