Tegernseer Tal - Heft 153 - Ausgabe 2011/I

LESEPROBE

Eine Prinzessin vom Tegernsee als »Heldin von Gaëta«

Die »Mission impossible« der Marie Sophie

Portrait der Königin Marie Sophie

Der Besuch der alten Dame…Es war immer das gleiche Ritual und die Heimatzeitung »Der Seegeist« berichtete jedes Mal gleichermaßen respektvoll. Sie reiste mit dem Zug an, begab sich zu ihrem Bruder, Herzog Carl Theodor, in das Tegernsee Schloss, hielt dort ihre Tee-Audienz, absolvierte (mittlerweile über siebzig Jahre alt) am Leeberg ihre Rodelpartien (wenn der Winter mitmachte) und fuhr abends mit dem Zug zurück nach München: Marie Sophie Amalie, Herzogin in Bayern, die in Possenhofen und im Tegernseer Tal ihre Jugendjahre verbracht hatte. Als Königin beider Sizilien hatte sie an der Spitze ihrer bourbonischen Truppen gegen die Heerscharen Garibaldis und damit gegen die Vereinigung Italiens gekämpft. Sie verlor, vor genau 150 Jahren, im Februar 1861, aber sie ging als »Heldin von Gaëta« in die europäische Geschichte ein. Im Frühjahr 2011, während der italienischen Nationalfeierlichkeiten »150 Unitá d´Italia«, kehrte die Prinzessin vom Tegernsee in das Gedächtnis einer innerlich immer noch zwiespältigen Nation zurück.

Marie Sophie kam 1841 als Fünftgeborene in einer »erlesenenen Geschwisterschar« zur Welt: Ihr Bruder Carl Theodor, war künftiger Chef des Herzoglichen Hauses in Bayern und Schlossherr zu Tegernsee, ihre Schwester Elisabeth wurde Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn (Kaiser Franz Joseph war somit ihr Schwager), ihre Schwester Sophie war Verlobte (auf Zeit) von König Ludwig II. Und ihrer Mutter, der ehrgeizigen bayerischen Königstochter Ludovika (sie ruht mit ihrem Gemahl Herzog Maximilian, dem »Zither- Maxl«, in der Wittelsbacher Familiengruft in Tegernsee), schwebte in ihrer Heiratspolitik vor, dass zum kaiserlichen Schwiegersohn in Wien auch noch ein königlicher Schwiegersohn aus dem Hause Bourbon kommen könnte: Franz II., zum Zeitpunkt der Planung noch Thronfolger des Königreiches beider Sizilien. Eine Intention, die umgekehrt auch der Überlebensstrategie der Bourbonen in Neapel entsprach: Denn von Turin bis Palermo durchzog der Sturm des Risorgimento, der »nationalen Wiedergeburt«, ein in Fürstentümer und Regionen zersplittertes Land. Die Einigung Italiens wurde vom Königshaus Sardinien-Piemont im Norden und von den nationalen Rebellen im Süden vorangetrieben. Die »Rothemden« des Guiseppe Garibaldi hatten als vorrangiges Ziel: Zerschlagung des Königreich beider Sizilien, das sich über Süditalien bis Pescara erstreckte, und zum Teufel mit dem Kirchenstaat! In dieser Konstellation hätte eine bayerische Prinzessin, mit dem Kaiser in Wien verschwägert und auf den Königsthron in Neapel installiert, dem Hause Bourbon eine Überlebensfrist verschafft.

Der kleinen Marie Sophie war eine unbeschwerte Kindheit in Possenhofen und in der Idylle von Wildbad Kreuth beschieden. Ein Familiengemälde des Hofmalers Joseph Stieler von 1854 zeigt sie in naivlieblicher Pose, einem Papagei einen Apfel reichend; sie war damals dreizehn Jahre alt, als Achtzehnjährige muss sie per Ferntrauung, so sehr drängte offenbar die Situation in Italien, den Thronfolger Franz heiraten. Sie spricht am 8. Januar 1859 in der Münchner Hofkirche, vor einem (geschönten) Bild des Bräutigams, ihr Ja-Wort, er erklärt sie zur gleichen Zeit in Neapel zu seiner Frau. So werden zwei junge Menschenleben in eiskaltem Kalkül zusammengeführt, obwohl der bayerische Gesandte am Vatikan, Freiherr von Verger, Maries Eltern so eindringlich gewarnt hatte: Der Kronprinz, geboren 1836, werde am Hof in Neapel wie ein »sechzehnjähriges Kind« behandelt, man halte alles von ihm fern, was zur geistigen und körperlichen Entwicklung notwendig sei; obwohl zum Staatsrat ernannt, blieben ihm alle Staatsgeschäfte fremd. Ein frömmelnder, schwacher Typ, kirchlichen Gedankentrödeleien hingegeben, so sehen Zeitgenossen den jungen Bourbonen.

König Franz II. und Königin Marie Sophie, »die bayerische Herzogstochter, die Fahne in der Hand, so rühmlich ihre Pflicht erfüllend«… von der Stadt Gaëta wurde sie 2011 mit einer Gedenkmedaille geehrt

Kurz nach der Ankunft Maries in Neapel stirbt ihr Schwiegervater; als Gemahlin des Thronfolgers Franz wird sie Königin beider Sizilien, im Schatten einer herrschsüchtigen (Stief)-Schwiegermutter, Maria Theresia von Habsburg, und in der Gewissheit, dass es zum Krieg kommen wird. Denn so will es die Geschichte: Das Haus Bourbon muss fallen, damit Italien eins werden kann – das ist die »Mission impossible« der Prinzessin aus Bayern.

Die Rebellentruppen der Nationalisten Guiseppe Garibaldi und Francesco Crispi erobern Sizilien und rücken mit regulären Einheiten des Königreiches Sardinien- Piemont auf Neapel vor. Marie Sophie fleht ihren Schwager Franz Joseph um Hilfe an, aber der Kaiser kann nicht helfen, weil sich in Norditalien Venetianer und Lombarden gegen Wien erheben. Neapel fällt, und die königliche Familie zieht sich mit ihren letzten, ihr ergebenen Truppen im November 1860 auf die Seefestung Gaëta im Golf von Neapel zurück. In seiner Entrücktheit nimmt Franz II. nur 66 Reliquiare und die Asche der heiligen Iasonia mit; was zur Rettung des Königreiches beider Sizilien noch getan werden kann, liegt allein in den Händen der nun neunzehnjährigen Königin Marie Sophie. Die Stadt Gaëta hat zu den Gedenkfeiern »150 Unitá d´Italia, Gaëta 1861-2011« eine umfassende Dokumentation über Belagerung und Fall der Festung Gaëta veröffentlicht und wer bisher glaubte, da hätte sich so etwas wie ein Operettenkrieg abgespielt, wird auf grausame Weise eines anderen Kriegsbild von der Festung von Gaäta 1861belehrt. Es gibt überraschenderweise eine Fülle zeitgenössischer Fotos von der Materialschlacht, von den Bombardements, die Garibaldis Artillerie-Einheiten gegen die Eingeschlossenen führten, es müssen Feuerstürme gewesen sein, die vom Himmel fielen, und es gibt Tagebücher der Belagerten, die sich (wir zitieren hier bewusst den Wortlaut einer Übersetzung) so lesen: »In den drei Monaten von grausamen Qualen blieben Neapolitaner und Bürger in der Festung von Gaëta, die ich erlebt habe…alles Unglück, alles Leiden, alle Folter, Bombenanschläge, Explosionen von Staub, Hunger und Typhus. Wie viele Opfer, wie viel Blut, wie das Martyrium. 57 000 Bomben gegen uns geworfen, 502 Soldaten, 8 Offiziere und Hunderte von Zivilisten getötet durch Feuer und Explosionen, Häuser und Gebäude zerstört, Krankenhäuser, unbegrabene Leichen. Halden von Dreck und Blut…« Und dann heißt es, in einer Tagebuch-Eintragung: »Ein großer Schrei der Freude und Liebe, die Königin tritt vor die Soldaten, voller Kühnheit, ohne der Wimper zu zucken auf das Pfeifen der Kugeln, ist sie fast immer auf der Tribüne unter ihren Soldaten, die ermutigt und tröstet...und hin und wieder Männer, verwundet, erheben sich mit leuchtenden Augen und küssten den Saum ihres Rockes.«

Königin Marie Sophie führt das Kommando über die bourbonisch-neapolitanischen Truppen, sie organisiert die Logistik und die Verteilung der Vorräte. Mit der Fahne »Regno delle due Sicilie« geht sie ihren Soldaten bei Gegenstößen gegen die Garibaldi-Einheiten voran, sie verbringt Tag und Nacht in den Spitälern, pflegt und tröstet die Verwundeten, betet mit den Sterbenden.

Gaëta fällt, die Kapitulations-Urkunde wird am 13. Februar 1861 unterzeichnet, Garibaldi gewährt dem Königspaar und seinem Gefolge ehrenvollen Abzug, so sehr hat ihn die Tapferkeit der bayerischen Prinzessin beeindruckt. Noch siebzig Jahre später rühmt sie der italienische Philosoph Benedetto Croce, Senator des Königreiches Italien, das auch auf dem zerschlagenen Königreich beider Sizilien gründet: »Und die Königin Marie Sophie, Spross des nicht weniger edlen Hauses Wittelsbach, umstrahlt von Kriegsruhm… Marie Sophie, unerschrocken im Pulverdampf der Granaten, Krankenschwester und Amazone in einem, beschwor sie die größte Heldinnengestalt der Geschichte herauf, fromm und kriegerisch wie die Jungfrau von Orléans.«

Das Königspaar verlässt Gaäta

Abschied von den letzten getreuen Kämpfern des Königreiches beider Sizilien: Franz II. und Marie Sophie verlassen nach der Kapitulation Gaëta. Sieger Garibaldi gewährt ihnen ehrenvollen Abzug, ein französisches Schiff bringt sie ins Exil

Europa, mit Stationen im Vatikan, England und Frankreich, wird zum Exil für das Königspaar, es gibt schwere persönliche und familiäre Turbulenzen, Marie Sophie überwirft sich auch, unwiderruflich, mit ihrer Schwester, Kaiserin Elisabeth. 1894 stirbt Franz II., die Königin-Witwe Marie Sophie lebt fortan in München, die Fahrten nach Tegernsee zu ihrem Bruder Carl Theodor werden ihr Lebensinhalt. Zum 50. Jahrestag der Eroberung Gaëtas, Februar 1911, würdigt die Tegernseer Zeitung »die Schwester unseres unvergessenen Herzogs Carl Theodor, die so rühmlich ihre Pflicht erfüllte, als sie – die bayerische Herzogstochter, die Fahne in der Hand – die Truppen zum letzten, leider vergeblichen Kampf anfeuerte.« Marie Sophie stirbt am 19. Januar 1925 und wird in der Wittelsbacher Familiengruft, an der Seite ihrer Eltern, unter der ehemaligen Tegernseer Klosterkirche beigesetzt. Im Jahr 1984 wird Marie Sophie zur Grablege der sizilianischen Bourbonen in der Basilika Santa Chiara in Neapel übergeführt. Auf einer Gedenkmünze, die aus diesem Anlass geprägt wurde, steht:

»Ein Heldenherz in zarter Frauenbrust
Ein Heldenschwert in zarter Frauenhand
Ein Heldengeist, der keine Schrecken kennt,
Schwebst Du, ein Lichtblick, über Zeit und Raum.«

Michael Heim

Quellen: http://www.150Gaeta.org; wikipedia; Witzleben/Vignau »Die Herzöge in Bayern« (1976);
Archiv Tegernseer Zeitung; Fotos: Comune di Gaëta

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im
Heft 153. Es ist ab April 2011 im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 153

Ausschnitt aus einem Familiengemälde mit Königin Marie Sophie

Einheit mit Vorbehalten

Italien hat auch nach 150 Jahren noch nicht ganz zu seiner inneren Einheit gefunden, das wurde selbst bei den offiziellen Feierlichkeiten im Frühjahr 2011 spürbar. Es gibt einen ungeschrieben Nord-Südkonflikt, aus historischen, soziologischen und wirtschaftlichen Gründen. Der Mezzogiorno ist eine Welt für sich, wie beispielsweise der Raum Mailand-Turin auch. Königin Marie Sophie, die als Verteidigerin des südlichen Königreiches der Union Italiens entgegenstand, wird zumindest in den nationalen Medien nicht besonders gewürdigt.

Die Stadt Gaëta allerdings hat eine Internetseite ins Leben gerufen, auf der die Geschichte der Belagerung von Gaëta und die Rolle der Marie Sophie als wichtiger, wenn auch dramatischer Meilenstein für die italienische Einheit dargestellt wird. Ziel ist es, so der Kulturassessor der Stadt, »die Geschichte auf eine neue Weise zu betrachten und der vielen Opfer zu gedenken, die Gaëta und ganz Süditalien für die Einheit bringen mussten.«