Tegernseer Tal - Heft 152 - Ausgabe 2010/II

LESEPROBE

»Zeitfenster« in die Erdgeschichte

Unsere Berge – aus dem Meer geboren

Am Anfang war das Meer. Aus dem Meer kam alles Leben. Und aus dem Meer wurden auch die Alpen geboren, somit auch das Tegernseer Tal mit seinen Bergen. Genau genommen leben wir am Rand, zum Teil auf dem Boden des Urmeeres Tethys – es sind die Sedimentschichten, die durch die Gewalt driftender Kontinentalschollen im Verlauf der »Alpen-Auffaltung« ans Licht gehoben wurden. Und es gibt im Tal und seinem südlichen Umfeld drei geologische »Aufschlüsse«, die wie »Zeitfenster« Einblicke in die Erdgeschichte gewähren, nämlich in dieses Kapitel …

Im Erdaltertum bildeten Asien, Afrika und Amerika den Großkontinent Pangäa. Er umschloss dieses Urmeer Tethys, dem die griechische Göttin Tethys einmal den Namen geben sollte; Tethys war in der Mythologie Schwester und Gattin des Meeresgottes Okeanos und gebar ihm die Quellen, Flüsse und Meere. Das Urmeer Tethys hatte sich im Norden bis zum (späteren) Alpenhauptkamm erstreckt und verschwand wieder, als die Kontinentalschollen Nordamerikas und dann Südamerikas vom Urkontinent Pangäa wegdrifteten. Die Gesteine des Tethys-Meeresbodens wurden beim Schließen des Ozeans über den europäischen Kontinent geschoben, weshalb sie heute bis zum Nordrand der Alpen reichen. Am Alpenhauptkamm stellt eine Art »Erdnaht« (Sutur) quasi die Verbindung Europas und Afrikas dar. Man könnte also sagen, dass Afrika ein paar Wegstunden südlich des Tegernseer Tales beginnt.

Tethys war zeitweise ein flaches Küstenmeer mit Korallenbänken und Korallenriffen, es war Heimat von Tintenfischen, Ammoniten, Muscheln, Haien, Schnecken und vor allem von Myriaden winziger Strahlentierchen, den Radiolarien. Wenn sie starben, sanken ihre Kiesel-Skelette auf den Meeresboden und wurden, mit den Kalkgehäusen anderer Meeresbewohner, unter dem Druck nachfolgender Ablagerungen – zu Stein. Diese Ablagerungen, die Sedimente, liegen waagrecht auf dem Meeresboden und können Höhen von einem Kilometer und mehr erreichen.

Blick auf einen Fels-Aufschluss bei Unterbuchberg

Zeitfenster I, Unterbuchberg am Weg von St. Quirin nach Gasse/ Ostin: Beim Straßenbau wurde diese Gesteinsformation »angeschnitten«. Sie stammt aus dem ausklingenden Erdmittelalter, das vor 250 Millionen Jahren begann und vor etwa 65,5 Millionen Jahren endete. Als diese Schichten aus sandig-mergeligen Kalken entstanden, war die Auffaltung der Alpen schon so weit fortgeschritten, dass bereits die ersten Gipfel aus dem Flachmeer ragten. Sie entstanden südlich des Tegernseer Tales, wurden in einem letzten Schub der Alpen hierher nach Norden, also in die Höhe von St. Quirin, verfrachtet und dabei leicht verfaltet

Vor etwa 100 Millionen Jahren beginnt die afrikanische Kontinentalplatte nach Norden zu driften, wobei sie zwangsläufig mit der eurasischen Platte kollidiert. Der einstige Meeresboden der Tethys wird dadurch gewissermaßen gestaucht, er wird von etwa tausend Kilometer Breite auf knapp zweihundert Kilometer zusammen und in die Höhe geschoben – es kommt zur »Alpen-Auffaltung«. Der Druck der afrikanischen Platte, die wie ein strandender Tanker auf die eurasische Platte auffährt, ist so stark, dass Gesteinsschichten sogar übereinander geschoben werden, dass also ältere Schichten auf jüngeren Sedimenten zu liegen kommen.

Kalkbänke hinter einem Wasserfall

Zeitfenster II, die Rottach-Wasserfälle am Weg zwischen Enterrottach und Sutten: Aus der Frühzeit des Erdmittelalters und aus einem tropischen Flachmeer vor den Küsten Afrikas stammen diese mächtigen Kalkbänke des Plattenkalkes, die bei der Faltung der Alpen vertikal aufgestellt wurden und von hier bis an den Gipfel des Wallbergs reichen

Wer das Tegernseer Tal von Nord nach Süd durchquert und noch einen kleinen Abstecher in das Tiroler Achental unternimmt, kommt an drei leicht zugänglichen »Aufschlüssen« vorbei, das sind Stellen an der Erdoberfläche, wo durch Wasser, Wegebau oder andere Faktoren der unverhüllte Gesteinsuntergrund zu Tage tritt. Hier bieten sich – vor allem am Südfuß der Blauberge (Klammbachtal) – Bilder von geradezu »stummer Dramatik«, die ahnen lassen, welcher Kräfte hier wirkten, als der Meeresboden der Tethys zusammengeschoben wurde: Die teils vertikal aufgestellten, die verformten und verfalteten Sedimentschichten wirken so geschunden und zerrissen, dass selbst Naturwissenschaftler von »Marterkammern« der Erdgeschichte sprechen – Marterkammern, aus denen unsere Berge in ihrer Schönheit hervorgingen. Und in welchen Zeiträumen?

Zeit ist unvorstellbar – und doch kann man sich zumindest geologische Epochen* folgendermaßen etwas veranschaulichen: Man zieht die Zeit seit Beginn der Schöpfung, seit dem »Urknall«, auf ein »Modelljahr« zusammen – dann wird also am 1. Januar dieses Jahres, um Null Uhr, die Erde geboren. Unsere Gegenwart wäre somit der folgende 31. Dezember, 24.00 Uhr, Silvester. Das Kambrium, der Beginn des Erdzeitalters, setzt am 20. November dieses »Modelljahres« ein. Das Hauptgestein der Blauberge, Hauptdolomit, bildet sich um den 18. und 19. Dezember.

Am Heiligen Abend formieren sich die Blauberge, noch zwanzig Kilometer südlich in Tirol. Die letzte Faltungsphase der Alpen, beispielsweise Tölzer Kalvarienberg, findet am 31. Dezember, 12.00 Uhr, statt. Am Silvesternachmittag beginnen die Blauberge nach Norden vorzurücken. Die Eiszeiten dauern von 22.00 bis 23.58 Uhr. Jesus Christus wird zwölf Sekunden vor Mitternacht geboren. Und dann waren es vielleicht sieben oder acht Sekunden vor Mitternacht, als nach der Überlieferung die adeligen Brüder Adalbert und Ottokar in dieses Tal kamen, um das Kloster Tegernsee zu gründen.

Blick auf Gesteinsverfaltungen

Zeitfenster III, am Klammbach im Tiroler Achental, unweit der Siedlung Achenwald an der Forststraße Richtung Blaubergalm: Die gewaltigen Kräfte beim Zusammenstoß der Kontinente verformten selbst mächtigste Gesteinspakete wie Brotteig. Dabei entstehen in morphologisch weicheren Formationen wie im Plattenkalk runde Formen und in spröderem Gestein Zick-Zack-Falten, nach den Abzeichen des US-Militär auch Chevron- Falten genannt

Peter Kirein

*Das »Modelljahr«-Beispiel stammt aus Voigtländer, Wolfgang: »Tegernseer Tal – Erdgeschichtliche Wanderungen«, ca. 1970. Vergriffen.

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 152