Tegernseer Tal - Heft 151 - Ausgabe 2010/I

LESEPROBE - Spurensuche

Ein Säbel und seine Geschichte

Herzdame, Fürst und Zarewitsch

Amalie Adlerberg galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Unter ihren zahlreichen Verehrern war auch einer von königlichem Geblüt: König Ludwig I. ließ sie 1828 (damals noch unter dem Namen Amalie von Krüdener) von Joseph Stieler für seine Schönheitsgalerie porträtieren

Nikolai Graf Adlerberg, am 19. Mai 1819 in St. Petersburg geboren. Russischer Staatsrat, Hofkammerherr, Gouverneur von Taganrog (am Asowschen Meer) und Simferopol (Krim), Verwalter von Finnland, zuletzt Tegernseer Bürger mit Residenz am Leeberg, gestorben am 25. Dezember 1892

»Da, die großen weißen Kerzen am Fußende der Sarkophage, zünde sie an! In ihrem Licht werden die Madonnen und die Heiligen aus den Ikonen auf dich herabblicken... da zwischen den Marmorsärgen, die kleine Urne mit den verbrannten Briefen der Liebenden … und an der Wand, die golden schimmernde Klinge.«
Das ist der Säbel, den Zarewitsch Alexander Nikolajewitsch seinem Freund schenkte, dem Fürstensohn Nikolai Adlerberg. Die Grabkapelle auf dem Egerner Friedhof gibt es nicht mehr, die Toten aus den Sarkophagen ruhen in einem Erdgrab – und der Säbel fand seinen Weg in ein Depot.…

Museumsvermerke erzählen keine Romane. Ihre Heimat ist die Faktenwelt, und dort kann eine zutiefst romantische Story auch mal so beginnen: »Russischer Offizierssäbel aus der ehemaligen Adlerberg-Kapelle, feuervergoldet, Skoda 1838, Länge 97 cm, Schenkung von Friedhofsverwaltung Egern, 1968«. So hat es der Archivar auf dem Papierabschnitt notiert, als das ungewöhnliche Ausstellungsstück vor über vier Jahrzehnten dem damals noch jungen Tegernseer Heimatmuseum übereignet wurde.

Amalie Adlerberg galt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Unter ihren zahlreichen Verehrern war auch einer von königlichem Geblüt: König Ludwig I. ließ sie 1828 (damals noch unter dem Namen Amalie von Krüdener) von Joseph Stieler für seine Schönheitsgalerie porträtieren

Der goldene Säbel ist womöglich das letzte im Tal verbliebene Erinnerungsstück an eine der einflussreichsten Dynastien des Zarenreichs, die Fürstenfamilie Adlerberg, die zuletzt am Tegernseer Leeberg residierte. Er erzählt von der leidenschaftlichen Liebe eines russischen Fürsten zu einer bildschönen bayerischen Freifrau. Und er gemahnt an ein wundersames Bauwerk, das fast neunzig Jahre lang den Egerner Friedhof prägte, um dann so gründlich zu verschwinden, dass es auch in den Köpfen der Einheimischen kaum Spuren hinterließ.

Im Mittelpunkt aller drei Geschichten steht Graf Nikolai Adlerberg. Als er 1819 als zweiter Sohn eines einflussreichen Ministers in St. Petersburg geboren wurde, ist seine politische Karriere vorgezeichnet. Sein Vater Wladimir ist ein enger Vertrauter von Zar Nikolaus I., der – so die Überlieferung – seinen Sohn Alexander noch auf dem Sterbebett beschwört, an den Diensten der baltischstämmigen Adlerbergs festzuhalten. Der Appell wäre wohl nicht nötig gewesen. Der junge Nikolai und sein Bruder Alexander sind mit dem jungen Zarewitsch erzogen worden, den Thronfolger und die nahezu gleichaltrigen Adlerbergs verbindet eine enge Freundschaft. Das gilt insbesondere für Alexander Adlerberg, der lebenslang als einziger echter Vertrauter von Zar Alexander II. gilt – ungeachtet der Tatsache, dass Adlerbergs extravaganter Lebensstil ihn regelmäßig in (nicht nur) finanzielle Verlegenheiten manövriert, aus denen ihn der Zar unerschütterlich auslöst.

Nikolai Graf Adlerberg, am 19. Mai 1819 in St. Petersburg geboren. Russischer Staatsrat, Hofkammerherr, Gouverneur von Taganrog (am Asowschen Meer) und Simferopol (Krim), Verwalter von Finnland, zuletzt Tegernseer Bürger mit Residenz am Leeberg, gestorben am 25. Dezember 1892

Nikolai Adlerberg, der zunächst eine militärische Laufbahn einschlägt, scheint der bedächtigere der beiden Brüder gewesen zu sein. Er interessiert sich für Theater, Musik und fremde Kulturen. Die Eindrücke seiner Reisen durch Griechenland, Ägypten und Palästina veröffentlicht er in dem Buch »Von Rom bis Jerusalem«. Der goldene Säbel ist zu dieser Zeit längst in seinem Besitz: Die Waffe dürfte ein Geschenk des Zarewitsch gewesen sein, dem Jugendfreund gegeben – so verrät es die Gravur – am 1. Mai 1838. Zu dieser Zeit hat der knapp 20-jährige Nikolai gerade eine Adjutantenstelle im zaristischen Heer übernommen.

Nicht ausgeschlossen übrigens, dass Adlerberg im gleichen Jahr erstmals an den Tegernsee kam. 1838 war nämlich auch das Jahr der Zarenreise nach Wildbad Kreuth, wo Zar Nikolaus und seine Gemahlin Alexandra auf Einladung des bayerischen Königs kurten. Ob zur riesigen Entourage auch die Adlerbergs gehörten – wer weiß?

Gegen alle Spielregeln

Sicher ist: Irgendwann zwischen 1836 und 1848 entflammt der vernünftige Nikolai für Bayern. Die Liebe zur ebenso schönen Regensburgerin, der verheirateten Amalie von Krüdener, die als Ehrendame der Zarin und Ordensdame des Katharinenordens bei Hof lebt, trifft den jungen Grafen wie ein Blitz. Ungeachtet aller gesellschaftlichen Spielregeln und Moralvorstellungen stürzen sich Nikolai und die elf Jahre ältere Amalie in eine Affäre, die spätestens 1848 nicht mehr zu verheimlichen ist, als Amalie den gemeinsamen Sohn Nikolai zur Welt bringt. Erst sieben Jahre später, nach dem Tod von Amalies Ehemann Alexander von Krüdener, ist der Weg frei für ein legalisiertes Verhältnis. Nikolai und Amalie heiraten 1855. Es folgen sechsundzwanzig gemeinsame Jahre, in denen Fürst Adlerberg als Bürgermeister und Verwalter in verschiedenen Regionen Russlands, an der russischen Botschaft in Berlin und schließlich für fünfzehn Jahre als Generalgouverneur von Finnland seinen Dienst versieht.

Die Adlerberg-Grabkapelle auf dem Egerner Friedhof, 1968 abgebrochen.Das Ehepaar ruht jetzt in einem Erdgrab, wenige Schritte vor der südlichen Kirchenwand

Von Jugend an mit Nikolai Adlerberg befreundet: Zar Alexander II. , geboren 1818. Er bestieg 1855 nach dem Tod seines Vaters, des Zaren Nikolaus I., den Zarenthron und fiel 1881 einem Attentat zum Opfer. Die Abschaffung der Leibeigenschaft hatte ihm den Namen »Befreier- Zar« eingebracht

Die Villa am Leeberg

1881 endet die Karriere von Graf Adlerberg durch die Ermordung seines Gönners, Zar Alexander II.. Bei der Suche nach einem Altersruhesitz in der bayerischen Heimat seiner Frau fällt Nikolais Wahl auf das Tegernseer Tal. Am sanft auslaufenden Leeberghang, oberhalb der Egerner Bucht, lässt er die »Villa Adlerberg« errichten. Es beginnt der beschauliche letzte Lebensabschnitt des Paares, das sich mehr denn je aus tiefstem Herzen zugetan ist. Nikolai beschäftigt zahllose einheimische Handwerker mit immer neuen An- und Ausbauten seiner Villa, lässt (bis hinunter zur heutigen »Villa am See«) Obstgärten und Gewächshäuser, Pferdekoppeln und Stallungen und dazu diverse Lagerhäuser für das jeweilige Sommer- und Wintermobiliar errichten. Im ersten Stock des Hauses entsteht eine orthodoxe Kapelle, in der ein eigener Pope die Messe liest. Nikolai Adlerberg befreundet sich mit Herzog Carl Theodor, der ihm seine Jagd überlässt, und liegt ansonsten – sehr weltlich – immer wieder im Streit mit den Steuerbehörden.

1888, im Alter von 80 Jahren, stirbt seine geliebte Frau Amalie. Sie wird am gegenüberliegenden Seeufer, in Sichtweite des gräflichen Schlafgemachs, im eigens errichteten Familien-Mausoleum auf dem Egerner Friedhof zur letzten Ruhe gebettet. Und der untröstliche Witwer lässt sinngemäß im Grundbuch eintragen: Wer jemals den Blick von Haus Adlerberg hinüber zum Grabmal verbaut, soll auf ewig verdammt sein.

Vier Jahre später nimmt die Trauergemeinde drüben in Egern auch Abschied von Nikolai Adlerberg – und bringt als Grabbeigabe jenen goldenen Säbel im Mausoleum an, der ihn zeitlebens begleitet hatte. Nikolais weltlicher Besitz geht an Sohn Kolja, seines Zeichen letzter russischer Botschafter am bayerischen Königshof. Selbst kinderlos, vermacht Kolja die Tegernseer Villa 1920 seiner Nichte Helene von Linder, die sie wiederum an ihre Tochter weitervererbt. Jene »Dolly«, eine verheiratete Baronin Massenbach, pflegt ein ähnliches Verhältnis zum Thema Finanzen wie ihr Ururgroßonkel Alexander: »Sie konnte einfach nicht mit Geld umgehen«, erinnert sich ihre Enkelin Natascha Würzbach. 1932 kommt die Villa Adlerberg unter den Hammer. Dolly von Massenbach bleibt nur das Mausoleum, in dem sich die Familie fortan jährlich an Allerheiligen zur Andacht einfindet. Natascha Würzbach beschreibt die Szenerie und die Kapelle in ihrem Roman »Das grüne Sofa«:

»Meine Großmutter schloss zunächst unter lautem Knirschen das Gittertor mit einem langstieligen Schlüssel auf und mühte sich dann mit dem Sicherheitsschloss ab. Eine runde, silbrig glänzende Scheibe, auf einer anderen aufliegend, musste durch Drehen in die richtige Position gebracht werden, bevor man den Schlüssel einführen konnte... Nach Überwindung des ersten Hindernisses galt es, die großen weißen Kerzen am Fußende der Sarkophage und an dem kleinen Altar anzuzünden... Streichhölzer wurden gezückt, bis der kleine Raum endlich in flackerndem Halbdunkel erschien. Einige glitzernde Ikonen blickten von den Wänden auf uns herab, ernste, dunkelfarbige Gesichter von Madonnen und Heiligen. Jedes Jahr wurden es weniger. Sie verschwanden vermutlich im Pfandleihhaus. Aber darüber sprach man nicht. Die Tür blieb für die zu erwartende Prozession offen. Die Kerzenflammen hielten sich nur mühsam in der Zugluft... Wir standen in Habachtstellung zwischen den Sarkophagen, blickten alle in die gleiche Richtung durch die offene Tür ins Freie. Endlich hörte man das Klingeln der Ministranten, in rhythmischen Abständen begleitet vom Gebetsmurmeln der Prozessionsteilnehmer... «

Letzter Ausweg: Abbruch

Natascha Würzbach und ihr Cousin Harald Beutelstahl erinnern sich auch an den Säbel, der im Halbdunkel der Kapelle golden von der Wand schimmerte. Doch irgendwann enden auch die Allerheiligen-Ausflüge an den Tegernsee. Die meisten der Adlerberg‘schen Nachfahren leben verstreut außerhalb Bayerns, seit 1967 fehlt mit dem Tod von Großmutter Dolly von Massenbach der letzte direkte Bezug zum mittlerweile baufälligen Besitz auf dem Friedhof. Das Geld, das eine Sanierung kosten würde, kann die Familie nicht aufbringen. 1968 lassen die Angehörigen Nikolai und Amalie Adlerberg in ein Grab nahe des Kapellenstandorts umbetten und stimmen schweren Herzens dem Abbruch zu.

Der goldene Säbel von Graf Nikolai Adlerberg jedoch findet seinen Weg hinüber ins Museum nach Tegernsee – als stummer und doch erhabener Zeuge einer fernen Epoche, eines filmreifen Familienepos‘ und einer großen Liebe.

Annette Lehmeier

Erinnerungen an die Adlerbergs, ihre verlorene Villa und die Kapelle am Tegernsee enthält der autobiographische Roman »Das grüne Sofa« der Adlerberg-Ururenkelin Natascha Würzburg. Ihre Erinnerungen sind, über die Familiengeschichte hinaus, ein bedeutsames Zeitzeugnis aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren im Tegernseer und Kreuther Tal: Natascha Würzbach, »Das grüne Sofa«, München 2007 Die Rolle der Amelie Adlerberg im Schicksal des russischen Nationaldichters Fjodor Iwanowitsch Tjutschew (1803 – 1873) und ihre Begegnungen am Tegernsee.

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im
Heft 151. Es ist ab Juni im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 151