Tegernseer Tal - Heft 150 - Ausgabe 2009/II

LESEPROBE - Lebensart & Tradition

Spurensuche zwischen Himmel und Erde

Der Lampl-Sprung in Weiß

Für das Knäblein Ludwig Geiger war, wenn es in Kreuth zum Fenster hinausschaute, der Leonhardstein mit seinen 1452 Höhenmetern die Herausforderung an sich. Mit jedem Zentimeter, um den der Knabe Ludwig heranwuchs, verlor der Leonhardstein natürlich seine Wucht – aber die Herausforderung blieb, es mit dem Berg aufzunehmen. Und so entschloss sich der Siebzehnjährige, den legendären Fluchtweg des Wilderers Lampl, der sich mit einem Sprung vom Leonhardstein vor seinen Verfolgern rettete, nachzuvollziehen, und befuhr als Erster das steile Südostband des Leonhardstein mit Skiern. Dr. med. Ludwig Geiger, mittlerweile 62, leitet heute das Institut für Sport- und Präventivmedizin in Rosenheim/ Kolbermoor – und hier sind die Auszüge aus seinem Tagebuch von damals, im Singularis Majestatis geschrieben, wie es sich für diese alpinistische Pioniertat gehört…

Bild rechts: Eine Legende im Landeanflug - Der Lampl-Sprung, so wie ihn der Gmunder Maler Herbert Streibl sah
Archiv Gmunder Heimathaus

Keuchend vor Anstrengung kämpft sich Wiggi die ersten Meter vom Gipfelkreuz des Leonhardsteins im hüfttiefen Pulverschnee zum Abgrund der 200 Meter hohen senkrechten Südwand hin. Über zwei Stunden hat er über den Normalweg für den winterlichen Aufstieg mit fellbewehrten Skiern am ersten Weihnachtsfeiertag gebraucht. Nur Oma kennt seinen Plan, sich mit den auf den Rucksack gebundenen Skiern und Stöcken die ersten zwanzig Meter der Südwand auf ein schneebedecktes schmales Felsband abzuseilen, um dann auf dem die Wand diagonal durchziehenden Schneestreifen mit Skiern abzufahren.

St. Antonius soll helfen

Nach Erzählungen ist hier vor vielen Jahren der bekannte Wilderer Lampl abgesprungen, um sich erfolgreich den verfolgenden Polizisten und Jägern zu entziehen. Zu Wiggis Sicherheit hat Oma, wie so oft, dem heiligen Antonius im Kreuther Kirchenschiff fünfzig Pfennig in die Kasse geworfen. Ohne Hast gräbt Wiggi mit der Schaufel eines Skis den bereits im Sommer gesetzten großen Ringhaken aus, an dem er sich abseilen wird. Routiniert, obwohl erst siebzehn, fädelt er das Kletterseil durch und wirft es am Ende verknotet in den Abgrund. Im Abseilsitz lehnt er sich weit zurück und lässt das Seil langsam durch den Karabiner gleiten. Nun schwebt er über dem Abgrund und stößt sich in kleinen kontrollierten Schritten von der Wand ab. Bereits im Sommer hat er sich hier abgeseilt, um vor Überraschungen sicher zu sein. Alles läuft nach Plan, aufatmend landet er sicher auf dem schmalen schneebedeckten Band und zieht das Seil ab. Der Schnee ist hier kompakt und weniger tief als auf dem Gipfel, was sein Vorhaben begünstigt. Vorsichtig löst er die mit Riemen fixierten Ski und Stöcke vom Rucksack, bei ihrem Verlust wäre der ganze Plan gefährdet. Das kleine Plateau bietet wenig Platz zum Anschnallen der Ski. Mit angehaltenem Atem schließt er die maximal zugedrehte Bindung, damit sich die Ski während der Abfahrt nicht von selbst lösen können. Bevor er in die Stockschlaufen schlüpft, bindet er noch die im Rucksack verstauten Steigeisen so an die Außenseite, dass sie im Falle eines Sturzes die Bremswirkung erhöhen – bei der Steilheit des Geländes ein wohl eher frommer Wunsch.

Dr. med. Ludwig V. Geiger…und der Wigg

Dr. med. Ludwig V. Geiger (auch »Wigg« oder »Luk« genannt) wurde 1946 in Kreuth geboren und machte am Tegernseer Gymnasium Abitur. Seine ärztliche Ausbildung reicht von der gesamten Inneren Medizin über Traumatologie bis zur Sportmedizin; Promotion in Psychiatrie, Drogenberatung bei Jugendlichen. Als Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin in Rosenheim/Kolbermoor ist er u.a. auch noch als Vertragsarzt Olympia-S tützpunkt Bayern, als Mannschaftsarzt im DSV und in der Bergführer-A usbildung tätig. Sein sportlicher Weg begann natürlich in den Kreuther Bergen und bei der Bergwachtbereitschaft Rottach-E gern, Schwerpunkte wurden Klettern, Wasserfallklettern, Ski-A lpin, Moto Cross und Golf. Aus seinen Buchpublikationen sei hier auszugsweise genannt »Gesundheitstraining« (BLV), aus sonstigen wissenschaftlichen Untersuchungen: Endorphine, Stresshormone beim Skifliegen und Extrem-Klettern. Seiner Leitfigur aus Jugendtagen, dem Wilderer Lampl, stand der Leit- und Leibspruch »Bluat vo da Gams« zu. Bei Orthopäden heißt es vermutlich »Hals und Beinbruch!«

pkn

Wilderer Lampl - mit Bürgerlichem Namen Hans Burger Der Lampl…

In der Zeit des Wildschützen Jennerwein lebte zu Reichersbeuern der vom Gericht bereits für vogelfrei erklärte Wilderer Lampl, mit richtigem Namen eigentlich Hans Burger. Einmal packte er am Leonhardstein gerade eine erlegte Gams in den Rucksack. Da bemerkte er, dass er von Jägern eingekreist war. Kurz entschlossen warf er Rucksack und Gewehr über die steile Südwand hinunter und sprang selbst nach. Auf den Ästen einer Fichte blieb er so glücklich hängen, dass er sich nicht ernstlich verletzte. Nun lief er, was die Beine hergaben, nach Reichersbeuern. Dort wurde er nach eineinhalb Stunden bereits gesehen. So konnte er bei der Gerichtsverhandlung sein Alibi nachweisen, da der Richter es für unmöglich erklärte, dass ein Mensch in eineinhalb Stunden vom Leonhardstein nach Reichersbeuern gelangen kann

Lampl ruht im Gmunder Friedhof, da er seinen Lebensabend auf dem Mühltaler Hof bei Louisenthal bei Verwandten verbrachte. Auf dem Mühltaler Hof hat er sich dann auch mit seinem Gewehr im Hausgang erschossen. Als alter Mann hatte er oft mit den Händen in die Luft gezielt und seinen Leibspruch gerufen: »Bluat vo da Gams!«

Rupert Berlinger in Festschrift
»900 Jahre Pfarrgemeinde Gmund«, 1975

 

Der Schreck fährt mit…

Endlich ist es soweit, der zweite Teil des Abenteuers kann beginnen. Da das Band für Schwünge anfangs zu schmal ist, rutscht Wiggi, die Skispitzen zur Südwand hin, langsam unter Einsatz der Kanten auf der windgepressten harten Schneeunterlage seitlich ab. Dies erfordert auch bei gutem skifahrerischen Können höchste Konzentration. Der Schreck fährt ihm in alle Glieder, als sich im Vorbeirutschen eine kleine Schneewächte mit dumpfem Knall löst und die Südwand hinunterstürzt. Als das Band nach fünfzehn endlosen Metern breiter und der Schnee tiefer wird, stoppt Wiggi jäh die unheimliche Rutschpartie und lässt heftig atmend den Kopf zwischen die auf die Stöcke gestützten Arme hängen. So verharrt er mehrere Minuten der Erholung, ehe er sich zum Weiterfahren entschließt.

…und schwebend geht‘s hinab

Das Band lässt nun angesprungene Schwünge mit engen Radien zu. Nach weiteren fünfzig Metern weicht die Spannung dem Vergnügen, als sich das Gelände in eine zunehmend breitere felsbewehrte Rinne verwandelt. Wie im Rausch fährt Wiggi im aufgischtenden Pulverschnee die Steilrinne hinunter. Er hat das Gefühl zu schweben und juchzt bei jedem Schwung. Am Fuße des Berges angekommen, blickt er stolz zurück auf seine Spuren im steilen, glitzernd weißen Band, das sich nach oben hin immer schmaler werdend im gleißenden Sonnenlicht verliert.

Ludwig V. Geiger

Erinnerungen an die Adlerbergs, ihre verlorene Villa und die Kapelle am Tegernsee enthält der autobiographische Roman »Das grüne Sofa« der Adlerberg-Ururenkelin Natascha Würzburg. Ihre Erinnerungen sind, über die Familiengeschichte hinaus, ein bedeutsames Zeitzeugnis aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren im Tegernseer und Kreuther Tal: Natascha Würzbach, »Das grüne Sofa«, München 2007 Die Rolle der Amelie Adlerberg im Schicksal des russischen Nationaldichters Fjodor Iwanowitsch Tjutschew (1803 – 1873) und ihre Begegnungen am Tegernsee, siehe TT-Internetseiten www.talverlag.de, hier Rubrik Dokumentation.

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im
Heft 150. Es ist ab Oktober im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 150