Tegernseer Tal - Heft 147 - Ausgabe 2008/I

LESEPROBE - Geschichte

Der Vier-Kirchen-Fund von Georgenried

Die Reproduktion des Ölgemäldes zeigt feuerrote Kirschen in einer Schale auf einem Tisch mit hellblauer Tischdecke

Der Hügel mit dem Kirchlein von Georgenried bei Finsterwald war schon immer von Mythischem umgeben. Der ursprüngliche Name „Schimmelkapelle“ deutete auf vorchristliche Anfänge hin, dann gab es hier bis zum Aufkommen der Leonhardi-Verehrung Georgiritte zu Ehren des Drachentöters. In der Kirche selbst wird St. Kümmernis verehrt - die gekreuzigte bärtige Jungfrau, eine fiktive Heilige. Schließlich findet sich die Überlieferung, dass auf dem Hügel ein Einsiedler lebte und der Tegernseer Abt Ayndorffer die Eremitage aus ungeklärten Gründen abbrechen und verbrennen ließ. Und nun stellt sich - eine kirchenbaugeschichtliche Sensation - bei Restaurierungsarbeiten heraus, dass auf dem Hügel von Georgenried vier Kirchen gewissermaßen übereinander gebaut wurden.

Grabungsbild 1 - Spätmittelalterlicher Backsteinfußboden des klösterlichen Umbaus von 1525

Der Archäologe Stefan Wolters dokumentiert die Folge dieser Schichten so: Beginnen wir von oben nach unten, dann ist die gegenwärtige Kirche die jüngste und somit vierte Kirche von Georgenried, erbaut, beziehungsweise umgebaut durch das Kloster Tegernsee. Bild 1 zeigt den spätmittelalterlichen Backsteinfußboden dieses klösterlichen Umbaues (um 1525).

Grabungsbild 2 - Unter der Bodenschicht sieht man die Mauer einer zweiten Kirche

Unter dieser Bodenschicht findet sich die Mauer einer zweiten Kirche, sie wurde vom Kreuzritter Georg von Waldeck zum Dank für die Heimkehr aus türkischer Gefangenschaft um 1444 erbaut (Bild 2).

Grabungsbild 3 - Mauern eines dritten Kirchenbaues

3 Fotos: Stefan Wolters,
Landesamt für Denkmalpflege

Die Grabungen führen weiter in die Tiefe - und in die Ver­gangenheit, man stößt auf Mauern eines dritten Kirchenbaus (Bild 3), die Archäologen datieren ihn auf die Zeit um 1300 und in diesem Mauerwerk verbirgt sich das vielleicht größte Geheimnis des Kirchenhügels: Es enthält „Spolien“, das sind (sekundär) wieder verwendete Materialien aus Vorgänger- Bauten. Damit wären wir bei der vierten Kirche angelangt – in der Reihenfolge ihrer Entstehung wäre es die erste, die älteste Kirche - möglicherweise aus der Zeit vor dem Jahr Eintausend. Und vorausgesetzt, es war tatsächlich ein christliches Bauwerk. Wolters will, bei aller Zurückhaltung des Wissenschaftlers, eine vorchristliche Kultstätte auf diesem Hügel, mit dem es tatsächlich eine besondere mythische Bewandtnis haben könnte, nicht ausschließen. Über weitere Grabungsbefunde werden wir in der Herbstausgabe 2008/II berichten..

pkr

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Heft 147. Es ist ab Anfang Mai im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 147

Weitere Leseprobe:

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