Tegernseer Tal - Heft 147 - Ausgabe 2008/I

LESEPROBE - Die Geschichte eines Bildes

Kirschrotglut und »Blauer Reiter«

Auf den Spuren von August Macke

Das »Kirschen-Stillleben« trägt zwar keine Signatur, aber es gibt doch so etwas wie einen »Quer-Verweis«, der von dem Loy Bäck aufgefundenen Bild zu August Macke führt: In der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus befindet sich (Ausschnitt im kleinen Bild) das Macke-Gemälde »Wohnzimmerecke in Tegernsee« (1910). Und auf dem Tisch steht die Schale aus dem »Kirschen-Stillleben«...

Die Reproduktion des Ölgemäldes zeigt feuerrote Kirschen in einer Schale auf einem Tisch mit hellblauer Tischdecke

Reproduktion: P. Rixner

Unter unserem Dach ist eine geheimnisvolle Schönheit daheim. Wer sie sieht, kann sich ihrem Zauber nicht entziehen, aber sie spricht kein Wort – wie es sich für ein Stillleben gehört: das Bild mit seinen leuchtenden Farben von Rot über Braun bis Blau zeigt eine Schale mit Kirschen, es sind Früchte in geradezu sinnlichem Rot, in Farbtönen, wie man sie ähnlich aus der Metallurgie zwischen dunkler Rotglut und Orangeglut als Kirschrotglut kennt.

Das Bild, 32 x 25 Zentimeter, könnte viel erzählen: wer es geschaffen hat und welchen Weg es nahm, bis es endgültig zu uns kam. Aber weil ein Stillleben eben schweigt, versuche ich es einmal eine Rekonstruktion. Das Bild wurde mir vor etwa zwanzig Jahren geschenkt, nach offenbar längerer Lagerzeit und eingerollt in Packpapier mit dem Vermerk: „Von einem unbekannten Maler“. Das Bild hatte meiner Tante gehört, welche wie ich im Hause der „Bäckerei Rosskopf“ in der Tegernseer Rosenstraße wohnte. Dieses Anwesen, schon 1479 urkundlich erwähnt, wurde von meinem Großvater Hans Rosskopf 1904 erworben.

Das Macke-Gemälde "Wohnzimmerecke in Tegernsee"

Im TEGERNSEER TAL erschien 1998 ein Beitrag über „August Macke am Tegernsee“, einen der bedeutendsten Maler des Expressionismus. Macke war Mitbegründer der Künstlergruppe „Blauer Reiter“, von der man sagt, in ihr hätten sich die Tiersymbolik von Franz Marc, die Farbphantasien Mackes und die Zauberwelt Paul Klees vereint. Bei der Lektüre, und vor allem beim Anblick der Abbildungen musste ich immer wieder an mein Bild „Unbekannt“ denken, denn irgendwie gab es da Übereinstimmungen. Je mehr ich mich in Farbgebung, Pinselstrich und Ausdruck meines Bildes vertiefte, umso stärker wurden mir Parallelen bewusst und natürlich ergab sich die Frage: „Ein echter Macke, als Zufallsfund in der Rosenstraße?“

Experten und Fachkreise, die ich befragte, ordneten das Bild nach Alter, Stil, Farbgebung und Maltechnik dem Umfeld der damaligen „Münchner Schule“ zu. Damit sah ich mich in meinen Vermutungen schon erheblich bestätigt, aber natürlich blieb die Frage: „Wie kommt ein Macke-Gemälde ausgerechnet zum Tegernseer Loy Bäck?“ Eine Antwort wäre: Malerei ist für viele Künstler, in bestimmten Lebenslagen, eine buchstäblich „brotlose Kunst“. August Macke, der mit seiner Gattin im Oktober 1909 nach Tegernseer gekommen war und fast ein Jahr lang beim Schreinermeister Staudacher gewohnt und gemalt hatte, und der Loy-Bäck waren in dieser Zeit ja Nachbarn, eigentlich nur durch die Treppen bei der Alpbachbrücke getrennt. Und so sei die Schlussfolgerung erlaubt, dass der Künstler Macke sein „täglich Brot“ sozusagen in Naturalien, nämlich mit einem seiner Bilder, bezahlt haben könnte. Oder, dass er dem Loy Bäck das Stillleben einfach aus Zuneigung schenkte.

In einem Macke-Beitrag des längst verstorbenen Kollegen Georg Lickleder findet sich ein Zitat des Malers Franz Marc, das so genau zu diesem Bild der leuchtenden Früchte passt. In seinem Nachruf auf Macke, der im September 1914 in Frankreich gefallen war, sagte der Malerfreund: „Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“ Ein treffendes Wort, trotzdem bleibt ein Geheimnis um dieses Bild. Aber auch das gehört zu seinem Zauber.

Karl Roßkopf

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Heft 147. Es ist ab Anfang Mai im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 147

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