Tegernseer Tal - Heft 146 - Ausgabe 2007/II

LESEPROBE

Annäherung auf virtuellen Wegen

Ein freitragender Bogen aus mörtellos aufgeschichteten Steinen mit Durchblick zu fernen Gipfeln

Das FH-Konstruktions-Team bei der Messarbeit an Walzen der Mannhardt-Turmuhr im Keller des Deutschen Museums

Ein freitragender Bogen aus mörtellos aufgeschichteten Steinen mit Durchblick zu fernen Gipfeln

„Etliche Zahnräder, die keineswegs Standard sind“: Das Minutenlaufwerk der Mannhardt-Turmuhr als SolidWorks- Modell (Abb. links) und das Herz der Uhr, der Hemmungsmechanismus

Fotos: Frank Owen

Ein Uhrwerk ist Mathematik, die in Zahnräder und Pendelbewegungen umgerechnet und umgesetzt wurde. Und die Turmuhr, die Johann Mannhardt 1842 für die Münchner Frauenkirche baute, muss ein mathematisches Geheimnis bergen, das Maschinenbau-Studenten gegenwärtig über Computerprogramme entschlüsseln. Die Disziplin, auf die sie dabei setzen, heißt „Reverse Engineering“, aus dem Englischen für „Umgekehrt entwickeln“.

Weil die Turmuhr für die Restaurierung im Keller des Deutschen Museums zerlegt werden musste ergab sich hier für ein internationales Konstruktions- Team der Fachhochschule München(FHM) die Chance, unter der Projektleitung von Gastprofessor Frank Owen, California Polytechnic State University, dieses Uhrwerk zu vermessen, in seinen Abläufen zu verstehen und mit einer eigens entwickelten Software als 3D- „SolidModell“ nachzubauen. Bei „Reverse Engineering, geht es generell darum, aus einem bestehenden fertigen System, in diesem Fall einer historischen Uhr, durch „Untersuchung der Strukturen, Zustände und Verhaltensweisen die Konstruktionselemente zu extrahieren“. So lassen sich beispielsweise Torsionsspannungen erforschen und Erkenntnisse gewinnen, die wiederum in den Automobilbau einfließen.

Als der Uhrmachermeister Rudolf Müller, Rottach- Egern, für den Altertumsgauverein Tegernsee die Mannhardt-Uhr vom Egerner Kirchturm (Vorbild für die Turmuhr der Frauenkirche) restaurierte, war ihm bereits aufgefallen, dass Mannhardt bei Figuration und Schliff der Zahnräder von der Technik seiner Zeit abgewichen war. Frank Owen und seine Studenten aus USA, Finnland und Deutschland stellten nun fest, dass Mannhardt auch in die Uhr der Frauenkirche einige Zahnräder eingebaut hatte, die der üblichen Mechanik nicht entsprechen, aber 120 Betriebsjahre lang funktionierten. „Sie sind keineswegs Standard“, sagt Owen. „Ihre Herkunft erinnert an die Holzbauteile der Schwarzwalduhren und steht in keiner Beziehung zu modernen Zahnrädern.“ Mannhardt könnte also durch Intuition uraltes Wissensgut der Uhrmacher in seine Mechanik aus Messing und Eisen übertragen haben und dieses Uhrwerk könnte nun wiederum dem Maschinenbau unserer Tage Impulse geben.

„Mannhardts Uhr ist gleichermaßen Kunst wie Ingenieurwesen“, sagte einer der Studenten in Owens Team, Siegfried Hotter. Vielleicht ist es schon dieser eine Satz, der ein Phänomen umfängt, ein Phänomen namens Johann Baptist Mannhardt, Hüterbub aus dem Tal.

FO/mh

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 146

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