Tegernseer Tal - Heft 146 - Ausgabe 2007/II

LESEPROBE

Das Märchen vom steinernen Regenbogen

Dort oben, irgendwo am Ross- und Buchstein, steht dieses geheimnisvolle Gebilde aus Stein. Niemand weiß, wer es geschaffen hat, ohne Gerüst und Mörtel, wie sich die Steine zusammenfügten, gegen alle Gesetze der Schwerkraft,und sich seither gegenseitig tragen. Und niemand weiß, was dieses Gebilde bedeuten soll. Ein Bogen aus Stein ist ja von Mythen erfüllt. Wer ihn durchmessen kann, heißt es, habe alles Übel abgestreift… Die alte Nanni, Sennerin auf der Röhrlmoosalm, könnte es wissen. Die Nanni war, wie so manche Sennerin, eine weise Frau. So sagte sie einmal: »Wenn es regnet, kannst du die Steine wachsen hören.«
Und wenn sie noch lebte, würde sie uns vielleicht dieses Märchen erzählen.

Ein freitragender Bogen aus mörtellos aufgeschichteten Steinen mit Durchblick zu fernen Gipfeln

Foto: Michael Heim

Es waren einmal drei Brüder. Sie lebten hinter den Sieben Blauen Bergen, dort wo das Meer beginnt, in einer goldenen Stadt mit dem Namen Venezia, und wollten dem Glasmacher des Tegernseer Abtes zu Glashütte die Rezeptur für die rechte Glasschmelze stehlen, um daheim selbst Glas zu fertigen, schöner noch als das Muranoglas der venezianischen Meister. Denn der Glasmacher des Abtes verstand sich wie kein anderer auf das Spiel der Farben im Glas, aus dem die Mönche dann die Fenster der großen Dome schufen, zu Regensburg und Hildesheim und anderswo. Und so schlichen die drei diebischen Brüder im Dörflein Glashütte um die Werkstätte herum und spähten den Meister aus, als er dem Glasfluss die Farben gab: hier drei Körnlein vom Samarandastein, dort eine Messerspitze vom Lapislazuli, drei Tröpflein Dirschenblut oder ein paar Stäubchen vom wundersamen Edelstein Ligurinus, den die Mönche zu Tegernsee aus dem Geifer des gefangenen Luchs es zu gewinnen wussten.

Als die drei Brüder eines Abends durch die Wälder zu ihrem Versteck zurückkehrten, hörten sie ein leises Wehklagen und fanden ein Mädchen, so schön und zart wie eine Fee, das in ein Wolfseisen geraten und gefangen war. »Die soll uns als Gespielin bleiben«, dachten die Brüder und lösten das Fangeisen. Aber als sie das Mädchen fassen wollten, verwandelte es sich in ein Flämmchen und sprang vor ihnen her durch die Nacht und lachte und scherzte und sagte: »Habt Dank, Ihr feinen Herren, und nehmet dies als Lohn – ein Geheimnis aus uralten Keltentagen: Wo ein Regenbogen die Erde berührt, werdet ihr goldene Schüsselchen finden, auf denen er ruht. Und die sollen Euch gehören!« Als sich am nächsten Tag ein Regenbogen über die Berge spannte, vom Sonnberg über den Rossstein hinüber zum Schönberg, gingen die Brüder dorthin und fanden die goldenen Schüsselchen.

Nun packte sie der Übermut und so drangen sie in die Almhütten ein und schreckten die armen Sennersleute und lärmten und randalierten und gaben sich einem Frevel hin, den kein Almgeist jemals verzeihen würde: Sie hießen die Hüterbuben und die Kuhmägdlein, sich als Kegelfiguren auf den Anger zu stellen, und begannen mit den Käskugeln der Almerer ein gottloses Kegelscheiben. Doch die Käskugeln, die die Kühe auf den steilen Bergwiesen Gräslein um Gräslein zusammengetragen hatten und nun vom Schönberg und vom Sonnberg hinab zu Tale rumpelten, wurden größer und größer, sie schlugen Funken aus dem Gestein, infernalischer Lärm erfüllte das Tal, Blitze schossen aus einem schwefelfahlen Himmel herab und auf einmal stand der König der Almgeister vor den drei Brüdern und verwandelte sie in Zwerge, die fortan als »Venediger Manndl« in unseren Bergen hausen sollten – falls sie diese Probe bestünden. Denn zur Strafe hieß der König der Almgeister sie auch noch, einen Regenbogen aus Stein zu erbauen. Wenn ihnen dies binnen Mondesfrist nicht gelänge, so sagte der König der Almgeister, sollten sie dies mit ihrem Leben büßen.

So schleppten die drei Zwergenbrüder nun die Steine herbei, wuchteten sie aufeinander, mühten sich, den Schlussstein in den Regenbogen zu setzen und mussten ein um das andere Mal zusehen, wie ihr Werk wieder zusammenstürzte. Während sie sich nun so mühten und plagten und mit blutenden Händen die Steine zum Regenbogen fügen wollten, wuchs der Mond und begann wieder zu schwinden und schwebte schließlich als Sichel über ihnen. Doch da, in der höchsten Not, erschien wieder das Flämmchen und das Flämmchen verwandelte sich in das Mädchen aus dem Wolfseisen und das Mädchen sprach: »Es sei euch noch einmal geholfen. Wir Feen wissen um eine Kraft, Gravitatio genannt, die alles hinabzieht zur Mutter Erde. Und ich habe Mutter Erde gebeten, für Euch diese Kraft Gravitatio aufzuhalten, bis der Mond hinter den Karwendelbergen untergegangen ist. Wenn dann der steinerne Regenbogen vollendet ist, seid ihr gerettet.«

So geschah es denn auch. Die Erde hielt den Atem an und die Steine verloren ihre Schwere und schwebten auf den Händen der Zwerge gleichsam durch die Luft und fügten sich zum Regenbogen. So wurde den Venediger Manndln das Leben geschenkt, ihre Heimat hinter den Sieben Blauen Bergen freilich sollten sie nie wieder sehen. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann schürfen sie noch heute in den Klüften unter dem steinernen Regenbogen nach Gold und Lapislazuli und dem Samarandastein für den Tag, an dem der Abt zu Tegernsee und sein Glasmacher in unsere Welt zurückkommen.

Dies ist das Märchen vom steinernen Regenbogen, so wie es uns die Nanni vom Röhrlmoos erzählt hätte. Vielleicht…

Michael Heim

Lesen Sie weitere Geschichten und Berichte im
Heft 146. Es ist ab 27. September im Handel erhältich.

Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 146

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