Tegernseer Tal - Heft 145 - Ausgabe 2007/I

LESEPROBE

Vom Versuch, einen See über den Tisch zu ziehen...

Das Projekt "Hochwasser-Rückhaltebecken Tegernsee"

Das Bild zeigt starkes Hochwasser in der Hauptstraße von Rottach-Egern

Land unter am Tegernsee: wie das (mittlerweile legendäre) Hochwasser des Jahres 1899 die Menschen heimsuchte, lässt diese Aufnahme aus der Rottacher Seestraße ahnen

Das Leben kennt eine ganz einfache Grundregel, einfach, aber unwiderlegbar: »Wenn etwas passieren kann, dann wird es auch irgendwann einmal passieren.« In fünf Jahren, übermorgen, in der nächsten Generation, oder vielleicht morgen. Egal, das »Irgendwann« kann niemand ausschließen. Auf das Tegernseer Tal kommt eine Situation zu, die einmal eintreten kann und in ihrem Risikopotenzial ohne Beispiel ist: Der See soll als Rückhaltebecken zur »Hochwasserbewirtschaftung « im Unterlauf der Mangfall dienen. Das bedeutet, dass die Behörden im Katastrophenfall folgende Güterabwägung treffen müssen: Sollen sie, vereinfacht gesagt, das »Rückhaltebecken Tegernsee« mit einigen hundert unmittelbar betroffenen Anliegern fluten, oder sollen sie mangfallabwärts, im Raum Bad Aibling und Rosenheim (Zusammenfluss Mangfall/ Inn) etwa vierzigtausend Menschen unter Wasser setzen? Die Antwort ist ebenso einfach: Wer sich in dieser Güterabwägung für das Tegernseer Tal entscheidet, macht sich strafbar. Eine provokate Schlussfolgerung, aber sie führt nun einmal zur zentralen Frage in diesem »Raumordnungsverfahren Hochwasserausgleich «, das die Regierung von Oberbayern über das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim durchführte und gegen den erklärten Widerstand aller Talgemeinden zum Abchluss bringen will. Dabei sind die Behörden entscheidende Antworten – vor allem zur »maximalen Stauhöhe Seespiegel« – bis dato schuldig geblieben.

Auf Anfrage der Redaktion hat Friedrich Joachim für das TEGERNSEER TAL die gegenwärtig verfügbaren Fakten zusammen und gegenübergestellt. Damit liegt die wohl erste nichtamtliche einschlägige Studie vor – unseres Wissens wurde noch nie ein natürlicher See in ähnlicher Lage mit seenaher Bebauung für einen solchen Hochwasserausgleich herangezogen. Friedrich Joachim (54) ist Ingenieur und als gebürtiger Wiesseer von Jugend an mit dem Tegernsee und seinen Wasserständen vertraut. Die Lektüre dieses Beitrages ist, durch die Thematik bedingt, nicht einfach. Aber die Zukuft unseres Tales sollte dem Leser diese Mühe wert sein.

Die Redaktion

Hochwasser-Historie

Das Bild zeigt starkes Hochwasser in der Hauptstraße von Rottach-Egern

Dies ist der neuralgische Punkt bei der Steuerung des Seespiegels: das Schuhmacherwehr oberhalb von Louisenthal. Bei steigendem Wasserstand wird Wasser bis zur Kapazitätsgrenze der beiden Turbinenkraftwerke über die Einlass-Bauwerke abgeleitet. Wenn diese Maßnahme nicht ausreicht, wird das flexible Staubrett gelegt, damit kann die Wehr-Oberkante gesenkt werden, aber nur um 35 Zentimeter. Die technischen Möglichkeiten zur Reduzierung des Hochwasserpegels sind damit erschöpft

Am 14. September 1899 wurde das bisher größte dokumentierte Hochwasser am Tegernsee mit einem Pegel von 287 cm über Pegelnull gemessen. Pegelnull ist 725,06 m über Normalnull, Normalwasserstand ist 33 cm. Im Rosenheimer Anzeiger vom 14. September 1899 steht: »Gmund am Tegernsee 14. Sept.: Rottach ist ein Bild des Jammers und der Verzweiflung. Der See steht hoch über den Ufern. In Tegernsee ist es noch schlimmer. Das Cafe am See ist gewesen, die Fluten haben es weggespült. Die Häuser am See stehen unter Wasser, die ganze Straße ist überfluthet, die Gärten sind zerstört. Weinen und Wehklagen überall.«

Zu diesem katastrophalen Hochwasser, das heute als ein 200- bis 300-jähriges Hochwasser bezeichnet wird, sagt der Staatsminister Freiherr von Feilitzsch am 4. 0ktober 1899 im Landtag unter anderem: »Geradezu unheilvoll war das Hochwasser der Mangfall in ihrem ganzen Gebiete vom Tegernsee bis zu ihrer Mündung in den Inn bei Rosenheim. Glücklicherweise gelang es, das erste Wehr in der Nähe bei Gmund am Tegernsee mit Aufbietung aller Kräfte zu erhalten. Wäre das nicht gelungen, so wäre eine ungeheuere Wassermasse aus dem Tegernsee in der Mangfall weitergegangen und hätte noch viel größeres Unglück verursacht«.

So hatte damals schon der Tegernsee, wie heute auch, als natürlicher Hochwasserspeicher mit einem Wehr am Seeausgang die Mangfallunterlieger vor einer noch größeren Katastrophe bewahrt. Dieses Schuhmacherwehr in Gmund ist nun in die Jahre gekommen und muss erneuert werden. Das zuständige Wasserwirtschaftsamt Rosenheim hat mit den Planungen begonnen. Die entsprechenden Vorgaben haben ihre Grundlage im Landesentwicklungsprogramm Bayern vom 1. April 2 003 sowie im Regionalplan Oberland. Der Regionalplan fordert, dass die Bewirtschaftung des Tegernsees zur Abflussminderung im Mangfalltal beitragen soll, in dem bei einem Hochwasser ca. 42000 Menschen betroffen sind. Und im Regionalplan Südostbayern wird eine Verbesserung des Hochwasserschutzes der unteren Mangfall unter Einbeziehung natürlicher Rückhalteräume angestrebt.

Der Tegernsee ist ein solcher natürlicher Rückhalteraum. Dies ist die von der Politik geschaffene Ausgangslage. Um die geplanten Veränderungen gegenüber heute transparent zu machen, ist es notwendig, die bestehende Steuerregel des heutigen Schuhmacherwehres aufzuzeigen.

Das Schuhmacherwehr heute

Das Schuhmacherwehr besitzt ein flexibles Staubrett von 35 cm Höhe. Das Wehr ist das Einlassbauwerk für zwei Wasserkraftwerke. Über einen Betriebsauslass kann bei Hochwasser zusätzlich Wasser abgelassen werden. Die Steuerregel sagt nun, dass bei einem Seepegel ab 55 cm beide Kraftwerke (Turbinen) die maximal mögliche Wassermenge in den Unterlauf abgeben müssen. Steigt das Wasser weiter,...

Die vollständige Reportage im Heft 145 (2007/I) behandelt zur Titelgeschichte noch die Punkte

  • Planungen des Wasserwirtschaftsamtes
  • Steuerung der neuen Wehre
  • Auswirkungen für den Tegernsee?
  • Fragenkatalog der Gemeinden
  • Gibt es Alternativen?
  • Der Tegernsee im Zahlenspiegel
  • Stadt München, die große Unbekannte im Wasserspiel
Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 145

Lesen Sie die gesamte Titelgeschichte im
Heft 145. Es ist ab 4. April im Handel erhältlich.