Dokumentation

Stauung des Tegernsee's

Titelblatt des Heftes Nr. 143
Den vollständigen Bericht von 1905

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Fussgängerbrücke ü das See-Ende bei Gmund, an einem Pfeiler ist eine Messlatte für den Wasserstand befestigtEs liest sich, als wäre es die Zeitung von heute: Der Seespiegel des Tegernsees soll durch ein neues Stauwerk am Seeausgang/Beginn der Mangfall um 73 Zentimeter angehoben werden. „Eigentlich nichts neues“, sollte man meinen…erstaunlich ist nur das Datum: Der Bericht im „See-Geist“ (Tegernsee´r Anzeiger) stammt vom 5. Februar 1905, überschrieben „Stauung des Tegernsee´s“. Und es ging damals nicht um Hochwasserschutz für die Mangfall-Unterlieger im Raum Bad Aibling/Rosenheim, wie diesmal im Raumordnungsverfahren 2006/2007 vorgegeben, sondern um den Trinkwasserbedarf der Stadt München - wohlgemerkt, schon vor mehr als hundert Jahren.

Dieser historische Artikel aus dem „Seegeist-Archiv“ zeigt eine Problematik auf, die in der gegenwärtigen Diskussion „Hochwasser-Rückhaltebecken Tegernsee“ (siehe TEGERNSEER TAL, 2007/I Heft 145, mit aktuellen Vergleichszahlen) ausgeklammert wird: Denn wenn das Fassungsvermögen (Stauvolumen) des Tegernsees durch ein neues Wehr am Seeauslauf erhöht wird, kann der Tegernsee ebenso gut als „’Trinkwasser-Rückhaltebecken“ für die Landeshauptstadt dienen. Und das ist ein Szenario, zu dem die planenden Behörden schweigen.

Vor mehr als hundert Jahren war schon geplant, Wasser im Tegernsee zurückzuhalten, um durch gesteuerten Ablauf die Wassermengen auszugleichen, die die Stadt München durch ihre Tiefbrunnen im Raum Reisach/Thalham den Grundwasserströmen des Mangfalltales entnimmt. Treibende Kraft bei dem damaligen Projekt „Stauung des Tegernsee´s“ waren die Kraftwerksunternehmer am Unterlauf der Mangfall, denen schon damals durch die Stadt München buchstäblich das Wasser abgegraben wurde. Denn mit dem Sinken der Grundwasserströme sinkt natürlich auch das Fließwasser im Flussbett - daher die seinerzeitigen Beschwerden der Turbinenbesitzer.

Eine Anmerkung am Rande:
Die Oberfläche des Tegernsees betrug laut Bericht vom Februar 1905 nach genauen Messungen 9,12 Quadratkilometer. Die Seefläche misst heute, durch Verlandung und Verbauung, exakt 8,9 Quadratkilometer, der Tegernsee ist also in einhundert Jahren um 220 000 Quadratmeter „geschrumpft“.

Man muss sich bei Lektüre des nachfolgenden Berichtes die Größenordnungen vor Augen halten: Die Stadt München zählte vor hundert Jahren etwa 500 000 Einwohner und musste seinerzeit schon dem Mangfalltal so viel Wasser entnehmen, dass man die Aufstauung des Tegernsees anstrebte, um in Trockenperioden Wasser zuführen zu können. Heute zählt München mit seinen anliegenden Gemeinden 1,5 Millionen Einwohner, deren Wasserbedarf (bei erheblich gestiegenem Pro-Kopf-Verbrauch) zu achtzig Prozent aus dem Mangfalltal gedeckt wird. Und die Stadt wächst und wächst, sie wird zur Mega-Metropole; im Jahre 2007 begann beispielsweise in Freiham am westlichen Stadtrand der Bau eines neuen Stadtviertels für 21 000 Menschen - das bedeutet: Die Abhängigkeit Münchens von Wasser aus dem Mangfalltal wächst von Tag zu Tag - und damit der Druck, irgendwann den Tegernsee zur Regulierung der Grundwasserströme im Mangfalltal aufzustauen.

Unter diesem Aspekt sollte der folgende Originalbericht vom Februar 1905 gelesen werden. Auch wenn das Vorhaben „Wasserhaltwerk bei Gmund“ damals nicht realisiert wurde - diese Zeilen aus der Vergangenheit sind ein Menetekel: Man hat es schon einmal versucht, die große „Stauung“…

Redaktion und Verlag TEGERNSEER TAL danken der Familie Adalbert Bömmel, Tegernsee, Hüterin des „Seegeist“-Zeitungsarchivs, für die Möglichkeit, den Bericht „Stauung des Tegernsee´s“ an dieser Stelle wiedergeben zu können. Die Tegernseer Zeitung („Seegeist“) ist eine Gründung der Herzogl. bayer. Hofbuchdruckerei Adalbert Boemmel und erschien erstmals im Jahre 1866.